Der Chairman von General Electric sucht eine Rolle für sein zukünftiges Rentnerdasein.
Jack Welch: Der ehrgeizige Antreiber

Jack Welch, der mittlerweile legendäre Chairman und Chief Executive von General Electric Co., steht vor einer der größten Herausforderungen seines Lebens: Nach zwei Jahrzehnten an der Spitze des Milliardenkonzerns geht der Erfolgsmanager in Rente. Aus dem Herrn über Zehntausende von Mitarbeitern wird eine Ein-Mann-Band.

Welch, der für seine Arbeitswut berüchtigt ist, klopft die Pläne für sein neues Leben fest. Für den Anfang, so sagt er, wolle er sich auf die persönliche Beratung von Firmenchefs verlegen. Dafür hat er im vergangenen Herbst ein Büro in Shelton, Connecticut, gemietet.

"Ich möchte gern beratend tätig sein, im Hintergrund", verrät der 65-Jährige Welch. "Ich will es mit Leuten zu tun haben, in der Management-Schulung, beim breit angelegten, strategischen Überblick - das sind alles Dinge, die ich gerne mache."

Die Beraterrolle lockt

Auch wenn er die Leitung eines anderen Unternehmens ausschließt, könnte sich Welch einen nicht geschäftsführenden Vorsitz oder eine andere beratende Rolle auf Teilzeitbasis vorstellen. Denkbar wäre nach seinem Weggang von GE auch eine Tätigkeit in Talentförderung, Strategie- oder Nachfolgeberatung. Allerdings schwebe ihm eine informelle, persönliche und private Beziehung zu einer Hand voll Führungskräften vor und nicht eine übergreifende Beraterrolle quer über die Strukturen eines Unternehmens hinweg.

Er sei auch daran interessiert, Manager zu unterrichten - solange sie an wirklichen Feldprojekten und nicht an hypothetischen Modellen von Business Schools arbeiteten. Und vielleicht wird er sogar ein weiteres Buch schreiben, nachdem das, an dem er gerade arbeitet - im vergangenen Jahr erhielt er dafür einen Vorschuss über 7,1 Millionen Dollar - , fertig ist.

Der nur vage festgelegte Rahmen seiner Pläne sei überraschend - sogar für ihn selbst, gesteht Welch. Während seiner Laufbahn bei GE hat er sich einen Namen als ehrgeiziger Antreiber gemacht, immer auf der Suche nach einer neuen Herausforderung oder einem Kreuzzug. Einige Kollegen und Freunde haben sich gefragt, ob der Weggang von GE nicht hart für diesen außergewöhnlich Energie geladenen Mann sein würde, der regelmäßig mehr als 70 Stunden pro Woche arbeitet und behauptet, in der Arbeit fände er nicht nur einen ständigen geistigen Anreiz, sondern auch die meisten seiner engsten Freunde.

Außenstehende prophezeien Welch "Wiedereingliederungsprobleme"

Tom Peters, ein bekannter Unternehmensberater, erwartet, dass Welch in der Welt jenseits von GE Wiedereingliederungsprobleme bekommen wird. '"Wenn du dich verdammte vierzig Jahre lang an ein und demselben Platz aufgehalten hast und du verlässt ihn, dann wartet ein ernster Kulturschock auf dich", prophezeit er. Peters fragt sich, ob Welch damit glücklich werden kann, von der Seitenlinie aus Ratschläge zu erteilen. "Das ist wie eine Therapie, es ist ein Selbstfindungsprozess. Und Jack ist nicht gerade ein Ausbund an Geduld."

Dazu sagt Welch: "Vor einem Jahr noch habe ich mir auch Sorgen über diese Sachen gemacht. Das ist ganz natürlich." Dennis D. Dammerman, Vize-Vorstandsvorsitzender von GE, hat einen Großteil seiner Karriere an der Seite von Welch verbracht und meint: "Wenn ich früher in entspannter Stimmung das Gespräch auf die Frage brachte: ,Was wirst du tun??, dann sagte er: ,Ich werde ein bisschen unterrichten.? Das nächste Mal verkündete er: ,Ich werde eine kleine Firma kaufen und leiten.? Und wieder ein anderes Mal sagte er: ,Ach Gott, ich denke, ich suche mir ein großes Unternehmen, das in Schwierigkeiten ist und Hilfe bei der Umstrukturierung braucht?."

Welch räumt ein, dass er befürchtet hat, die Verantwortung einer Führungsposition zu vermissen. "Ich habe verzweifelt danach gesucht, was ich tun sollte, und in dieser Situation habe ich dann darüber nachgedacht, andere Firmen zu leiten", sagt er. Seine Anspannung wurde verstärkt durch den - nach seinem Empfinden - Kräfte zehrenden Prozess, seinen Nachfolger aus den drei von ihm bestimmten Kandidaten auszuwählen. Dieser Vorgang habe bei Welch "buchstäblich Agonie" hervorgerufen, urteilt Dammerman.

Sein Entscheidungsprozess sei von seiner Frau Jane beeinflusst worden, sagt Welch. Sie wollte mehr Zeit mit ihm verbringen. "Ich denke, wir fühlen beide, dass wir es in den vergangenen Jahren verpasst haben, Zeit für uns zu reservieren", meint er. "Ich habe eine großartige Frau. Wir unternehmen gerne etwas zusammen." Derzeit plant das Ehepaar für Juni eine zehntägige Reise nach Italien, eine nach seinen Worten noch nie dagewesene Erholungspause.

Welch ist von der Qualität seines Nachfolgers überzeugt

Die Überzeugung, einen "ausgezeichneten Nachfolger" ausgesucht zu haben, sei überraschend befreiend gewesen, sagt Welch. Jeffrey R. Immelt dabei zu beobachten, wie er sich einlebt, habe eine große nervliche Belastung von ihm genommen. "Wenn ich der Meinung wäre, einen Sauhaufen zu hinterlassen, oder wenn ich nicht voll von meinem Nachfolger überzeugt wäre, dann würde ich wahrscheinlich anders fühlen", sagt Welch.

Derzeit prüft er mehrere Angebote und meint, es werde auch nach seinem Weggang von GE noch einige Monate dauern, bis sich seine Pläne konkretisiert hätten. Warum sollte er angesichts dieser neu gefundenen Freiheit überhaupt noch arbeiten? Welch antwortet: "Ich will mein Gehirn in Schwung halten."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%