Der Chef der Bertelsmann-Stiftung wird am Freitag 80 Jahre alt
Reinhard Mohn: Der allgegenwärtige Patriarch

Er hat Europas zweitgrößten Medienkonzern aufgebaut. Im Tagesgeschäft mischt Reinhard Mohn zwar schon lange nicht mehr mit. Er zieht aber im Hintergrund immer noch die Fäden.

GÜTERSLOH. Man könnte die Uhr danach stellen. Beinahe täglich, pünktlich um 13.15 Uhr betritt ein asketisch wirkender, korrekt gekleideter älterer Herr die Kantine des schmucklosen Verwaltungsbaus in der Carl Bertelsmann Straße Nummer 270 und reiht sich unauffällig in die Schlange der Wartenden ein. Doch was heißt hier schon unauffällig. Reinhard Mohn kann man nicht übersehen. Wo er auftaucht, zieht der große alte Mann der deutschen Medienindustrie die Aufmerksamkeit auf sich.

Reinhard Mohn, der morgen 80 Jahre alt wird, gehört zu den deutschen Ausnahmeunternehmern. Seine Karriere begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Sohn einer christlich geprägten Verlegerfamilie auf Wunsch des Vaters in dessen mittelständischen Betrieb einstieg. Mit seiner "Königsidee" des Buchclubs legte er den Grundstein für den international bedeutenden Medienkonzern Bertelsmann AG, der bald rund 40 Milliarden Mark Umsatz erreicht.

Und obwohl sich Mohn offiziell schon seit langem aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat, ist sein fast täglicher Auftritt in der Bertelsmann-Kantine für viele Mitarbeiter mehr als nur ein Ritual. Der auf Lebzeiten alleinvertretungsberechtigte Geschäftsführer der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft mbH, die mit ihren Stimmrechten das alleinige Sagen im Konzern hat, scheint ihnen zuzurufen: "Ich bin da, fürchtet euch nicht!" Denn Patriarch Mohn steht als Garant für eine alte, von Mohn selbst geschaffene Firmenkultur, die heute einer harten Belastungsprobe ausgesetzt ist.

Als "roter Mohn" beschimpft

Die alte Bertelsmann-Welt nach Mohns Zuschnitt ist von Tugenden wie Zusammenhalt, Familien- und Gemeinschaftssinn, Leistungswillen, sozialem Verhalten und Kontinuität geprägt. Nach Mohns fester Überzeugung ist das oberste Ziel eines Unternehmens sein Leistungsbeitrag für die Gesellschaft.

Er führte früh Mitarbeiterbeteiligungen als Leistungsanreiz und Identifikationsinstrument ein und wurde deshalb als "roter Mohn" beschimpft. Er betonte stets die soziale Verantwortung des Unternehmers. Management ist für ihn "führendes Dienen". Sein Traum ist eine sich ständig den Gegebenheiten anpassende Organisation ohne hemmende Dogmen, die aber ohne krasse Umwälzungen auskommt.

Mohn selbst gilt als äußerst diszipliniert und zielorientiert. Das Gleiche verlangt er auch von seinen Mitarbeitern, die oft fasziniert sind von seiner "unglaublichen Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden". Seine Interventionen sind "transparent", erklärt ein langjähriger Kenner des Hauses. Versteckte Botschaften sucht man vergebens. Wenn Mohn etwas sagt, dann meint er es auch so - und erwartet, dass es umgesetzt wird.

Bertelsmann steckt in komplizierter Umstrukturierung

Mohns Bertelsmann durchlebt derzeit eine Identitätskrise. Die AG hat mit dem belgischen Investor Albert Frère einen neuen Gesellschafter bekommen und steckt mitten in einer komplizierten, von Vorstandschef Thomas Middelhoff verordneten Umstrukturierung. Am Ende des Prozesses könnte sogar ein Börsengang stehen, ein Kulturschock für den von der Familie geprägten Konzern mit Hauptsitz im beschaulichen Gütersloh. Verkauft Bertelsmann seine Seele an die Wall Street?

Die Veränderungen finden mit Unterstützung Mohns statt. Das wissen alle Betroffenen. Doch sie hegen die Hoffnung, dass seine Präsenz die völlige Angleichung Bertelsmanns an die puristisch ertragsorientierte Unternehmenswelt der Wall Street verhindern wird.

"Hire and fire" war nie Mohns Philosophie - sieht man einmal vom Rausschmiss seines langjährigen Weggefährten Mark Wössner aus der Stiftung ab. Nun leitet Mohn selbst wieder die Stiftung, sein Lebenswerk. Dort kann er das tun, was er am liebsten macht. Unternehmerische und gesellschaftliche Probleme geistig durchdringen und nach Lösungen suchen.

Kritiker sehen hier ein Zeichen dafür, dass Mohn wohl doch nie wirklich von der Verantwortung loslassen kann - so wie er es von seinen Managern verlangt. Die müssen nach einem ehernen Mohnschen Gesetz mit 60 aus dem Vorstand der AG ausscheiden. Manchmal muss es halt auch Ausnahmen geben.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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