Der Chef der Claas KGaA mbH im Porträt
Rüdiger A. Günther: Der Vertraute der Familie

"Im Grunde bin ich ein Exot", sagt Rüdiger Andreas Günther und lacht. An der Spitze von Europas größtem Hersteller von Erntemaschinen, Claas, ist ein Manager, der bekennt, dass sein Herz für die Finanzmärkte schlägt, schon etwas ungewöhnlich. Zumal sein Arbeitgeber ein sehr bodenständiges Familienunternehmen ist, das sich zudem im ostwestfälischen Harsewinkel befindet, also auf dem platten Land, weit ab von den Finanzmetropolen.

HARSEWINKEL. Hier kennt sich Günther inzwischen bestens aus. "Ich habe bereits Claas-grünes Blut in mir", kokettiert der schlanke 44-Jährige mit der traditionellen Farbe der Erntemaschinen aus Harsewinkel. Er ist zwar der Jüngste unter den insgesamt fünf Geschäftsführern. Aber mit neun Jahren arbeitet er bereits am längsten von allen in der Claas-Gruppe.

Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Günther in diesem Oktober das Rennen um die Nachfolge des Ende Mai vergangenen Jahres ausgeschiedenen Eckart Kottkamp gemacht hat. Aber im Unterschied zu Kottkamp, der Vorsitzender der Geschäftsführung war, ist Günther nur zum Sprecher der Geschäftsführung berufen worden.

Er sieht das nicht als Makel an. Der gebürtige Göttinger versteht sich in der neu formierten Geschäftsführung mehr als Koordinator. "Wir entscheiden im Team", beschreibt er seine Rolle bei einem Gespräch in der schlichten Firmenzentrale, die vom Produktionswerk dominiert wird. Verlierer der Umorganisation ist Vertriebschef Martin Richenhagen, der zum Jahresende ausscheidet - atmosphärische Störungen mit dem Gesellschafter, heißt es. Die führten schon häufiger zu Wechseln im Top-Management des Traditionsunternehmens.

Gesellschafter ist die Familie Claas. Den größten Anteil hält mit 60 Prozent der 76-jährige Helmut Claas. Er ist der Sohn des Firmengründers August Claas, der 1913 zusammen mit seinen Brüdern das Unternehmen schuf. Seine Erfindungen und Entwicklungen in der Mähdrescher-Technik sorgten für den Aufstieg der Firma zu einem Konzern mit heute 1,2 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 5 400 Beschäftigten. Die Familie Claas hat sich im Herbst 1995 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Günther verschweigt aber nicht, dass die Familie "bei strategischen Fragen Einfluss nimmt".

Offensichtlich haben Helmut Claas, der noch immer direkt neben dem Firmengelände wohnt, die Leistungen des redegewandten Günther überzeugt. Der Diplom-Kaufmann kam 1993 zu Claas in einer schwierigen Zeit. Das Unternehmen machte Verluste. Finanzierung und die Sicherung der Liquidität bereiteten Sorgen.

Da war der damals erst 35-Jährige als Leiter des Zentralen Finanz- und Rechnungswesens der richtige Mann. Nach dem Studium lernte er bei der amerikanischen Continental Bank das Investmentbanking, wechselte 1988 zur Metro und stieg bis zum Leiter des Zentralbereichs Finanzen auf.

Und dann nach Harsewinkel? "Bei Claas hatte ich die Chance, mein Spektrum zu verbreitern", begründet Günther seinen Wechsel im August vor neun Jahren. Der Finanzexperte, der zu seinen eleganten Anzügen gern ein Einstecktuch trägt, modernisierte das Rechnungswesen, stellte den Finanzreport des Familienunternehmens auf den internationalen Standard US-Gaap um und emittierte erstmals Genussscheine und Eurobonds. "Wir wollen von den Banken unabhängiger werden", beschreibt er die Strategie.

Doch nicht nur das: Günther will die internationale Expansion auch beim Vertrieb und der Produktion vorantreiben. "Wir wollen ein noch größerer Global Player werden", betont er. Zwar ist Claas in Europa bereits Marktführer der Branche. Aber weltweit rangiert die Gruppe - gemessen am Umsatz - noch hinter Kapital-Gesellschaften wie John Deere und AGCO aus den USA oder der mittlerweile zu Fiat gehörenden Case New Holland.

Da kommt Günther seine internationale Erfahrung zugute. Bereits während des Betriebswirtschafts-Studiums in Göttingen, wo er nebenbei für Göttingen 05 Fußball spielte und zwei Mal Deutscher Meister im Karate war, erhielt er ein Stipendium an der Universität von North Carolina. Während seiner späteren Tätigkeit bei der Continental Bank lernte er, wie er gerne betont, die Geschäftsgepflogenheiten in den USA kennen - und fand dort seine Ehefrau, mit der er zwei Töchter hat.

Der Ausbau des US-Geschäfts steht denn auch ganz oben auf seiner Prioritätenliste. Darüber hinaus will der als "fordernd und dynamisch" beschriebene Günther die Position auf dem indischen und osteuropäischen Markt stärken.

Er wird also viel auf Reisen sein. Da gehören die Laufschuhe stets zum Gepäck. So kann es durchaus passieren, dass er seine Mitarbeiter in New York schon morgens um sieben zum Joggen in den Central Park bittet. Günther ganz nüchtern: "Das hilft gegen den Jetlag und steigert die Teamfähigkeit."

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