Der Chef der Deutschen Börse AG vertraut auf die eigene Stärke
Werner G. Seifert: Macher mit Machtinstinkt

Mit seinem kantigen Führungsstil hat sich der Schweizer nicht nur Freunde gemacht. Gleichwohl sind seine Erfolge unbestritten. Unter Seiferts Regie wurde Frankfurt einer der modernsten Börsenplätze der Welt. Am Montag bringt er die Deutsche Börse an die Börse.

FRANKFURT/MAIN. Von seiner größten Niederlage hat sich Werner G. Seifert schnell erholt. Statt nach der gescheiterten Fusion der Börsen London und Frankfurt zur Superbörse IX zu schmollen, zog der ehrgeizige Chef der Deutschen Börse AG flugs ein neues Projekt aus der Schublade: Einen zweiten Anlauf für den schon vor IX geplanten Börsengang der Deutschen Börse. Am Montag werden die Aktien erstmals gehandelt - knapp ein halbes Jahr nach dem Aus für IX.

Um nur ja vor dem Börsengang des großen Konkurrenten Euronext (der Zusammenschluss der Börsen Paris, Amsterdam, Brüssel) die Aktien der Deutschen Börse unters Volk zu streuen, verzichtete der Seifert sogar auf einen geplanten Aktiensplit, weswegen ein Wertpapier mehr als 300 Euro kosten wird. Die Hast beim Börsengang, aber auch das demonstrativ zur Schau getragene Selbstbewusstsein, mit dem er Kritik am hohen Ausgabepreis abtut - "Privatanleger sind nicht unsere Hauptzielgruppe"- , sind typisch für den promovierten Betriebswirt.

Mit der Rückendeckung seines Mentors Rolf-E. Breuer, der Vorstandsprecher der Deutschen Bank, mischte der Ex-McKinsey-Mann die schläfrige Frankfurter Börse, an deren Spitze er seit 1993 steht, gründlich auf. Heute wird die Deutsche Börse in einem Atemzug mit dem einstigen europäischen Branchenprimus London genannt. Im Eiltempo trimmte Seifert Frankfurt auf High-Tech und elektronischen Handel. Das Xetra-System und die von seinem früheren Vorstandskollegen Jörg Franke aufgebaute Terminbörse Eurex, die zu den besten Handelsplattformen der Welt zählen, stehen dafür ebenso wie die geplanten elektronischen Marktplätze für Unternehmen analog zu der bereits funktionierenden Strombörse EEX.

Einen zweiten Paradigmenwechsel fasst Seifert in dem Satz "Börsen werden ganz normale Unternehmen sein" zusammen - mit dieser Meinung löst er in Teilen der Frankfurter Finanzwelt immer noch irritiertes Kopfschütteln aus. Aber mit traditionellen Denkansätze gibt sich der Jazz-Fan ohnehin nicht ab. Seifert gilt als Visionär, als ein Mann, der über den Tellerrand des Alltagsgeschäft hinausblickt.

Wie kein Zweiter hat er sich frühzeitig für eine paneuropäische Börse stark gemacht, auch wenn er seit dem IX-Flop diesbezüglich deutlich vorsichtiger geworden ist. Locker spricht der Pfeifenraucher nach wie vor davon, dass die Börse "entteutonisiert" werden müsse, was ihm als Schweizer wohl leichter über die Lippen geht als einem deutschen Börsenchef.

Gelegentlich übersieht der 51-Jährige indes nationale Empfindsamkeiten, etwa im Fall IX. Endgültig verscherzt haben dürfte er sich die Sympathien in London mit der Forderung, die Briten sollten wegen der geplatzten Fusion 10 Millionen Euro Schadensersatz zahlen. Zuvor hatte er bereits Paris vor den Kopf gestoßen, als er hinter dem Rücken des als schwierig geltenden Pariser Börsenchefs Jean-Francois Théodore 1998 einen ersten (letztlich erfolglosen) Anlauf zu einer Allianz mit London unternahm. Börsenmitarbeiter fragen sich mitunter, ob Seifert das nötige Fingerspitzengefühl im Umgang mit seinen Partnern besitzt - schlimmstenfalls könnte Frankfurt bei einer Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft außen vor bleiben, so die Sorge. Auch in Deutschland stößt sein machtbetonter Führungsstil bisweilen auf Kritik. So stellte Seifert mit seinen IX-Plänen die deutsche Wirtschaftselite weitgehend vor vollendete Tatsachen - dabei sind es die Aktien von Allianz & Co., mit deren Handel die Börse ihr Geld verdient. Seifert, der Mitarbeiter und Journalisten gerne duzt, ist andererseits für unkontrollierte Wutausbrüche nach schlechten Leistungen seines Personals berüchtigt. Alte Weggefährten wie der Eurex-Chef Franke oder Reto Franconi, einer der Väter des Neuen Marktes, haben die Börse Frankfurt mittlerweile verlassen.

Außenstehende zeigen sich dagegen beeindruckt von der intellektuellen Brillanz und Eloquenz des Professors h.c. der European Business School, der seine Reden gerne üppig mit englischen Begriffen garniert. Analysten loben Seiferts Präsentationen im Vorfeld des Börsengangs - obwohl er sich mit konkreten Geschäftsprognosen sehr zurückhält. "Der Mann versteht es einfach, die Börse schmackhaft zu machen", lobt ein Fondsmanager.

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