Der Chef der Mannheimer Gruppe im Porträt
Hans Schreiber: Ein Verlierer mit Stil

Wie fühlt man sich als Verlierer? "Es kratzt schon am Ego, wenn man 15 Jahre lang der Strahlemann der Branche war und dann einen auf die Nuss bekommt", gibt sich Hans Schreiber am Rande einer Pressekonferenz ungewöhnlich offen und lächelt bitter.

MANNHEIM. Schreiber, gelernter Psychologe und Chef der Mannheimer Versicherungsgruppe, gestattet kaum mal einen Blick hinter die Fassade seines stets fröhlichen Optimismus - selbst jetzt, wo es seinem Unternehmen richtig schlecht geht, nicht einmal das selbstständige Überleben gesichert ist. Wenn er sagt: "Die Mannheimer wird auch in einem Jahr noch Mannheimer heißen", klingt das wie eine trotzige Beschwörung, denn über der Zukunft des Konzerns hängen große Fragezeichen.

Vor allem die Lebensversicherung bereitet ihm Sorgen - sie wurde tiefer als fast alle Konkurrenten von der Börsenbaisse in die Tiefe gerissen, weil sie relativ spät in den Aktienmarkt einstieg. Schreiber meint heute dazu: "Wären wir vor einem Jahr ausgestiegen, dann käme uns das Geld jetzt aus den Ohren raus." Und er fügt hinzu: "Wo waren denn die Auguren, die damals die Entwicklung richtig vorausgesehen haben? Ich kann mich an keinen erinnern."

Das Geschäft mit klassischen Policen hat der Lebensversicherer mehr oder minder aufgegeben. Den Kunden zahlt er nur noch die mageren garantierten Mindestzinsen. Beinahe eine Viertelmilliarde Euro schwer lasteten unrealisierte Verluste Ende vergangenen Jahres auf einem Konzern, der an der Börse nur noch rund 100 Millionen Euro wert ist und überwiegend institutionellen Investoren wie der Münchener Rück gehört. Fieberhaft arbeitet er mit diesen an einer Lösung, die auf Dauer die Finanzbasis sichert.

Der Weißhaarige mit dem ewig lächelnden Lausbubengesicht ist einer der bekanntesten deutschen Versicherungschefs. Er gilt innerhalb einer Branche mit eher langweiligem Personal als großer Kommunikator - nicht zufällig ist er Chef des Arbeitgeberverbands seiner Branche. Lange Zeit war er auch als möglicher Präsident des einflussreichen Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Gespräch.

Am Markt hat Schreiber, der sich in erster Linie als Vertriebsmann versteht, mit originellen Ideen gepunktet. Der Konkurrenz übermächtiger Konzerne wie Allianz & Co. entfloh er geschickt durch Nischenprodukte und Marketinglinien für einzelne Berufsgruppen. So schuf er neue Angebote und Marken und gab seinem Unternehmen ein kreatives Image. Damit ist er bei Maklern beliebt, die Produkte mit Pfiff suchen, weil Billig-Policen für sie zu wenig abwerfen.

Der tiefe Fall hat den einstigen Star der Branche aber nicht aus der Lebensbahn geworfen. Er ist Genussmensch aus Überzeugung, auch wenn er hin und wieder versucht, ein paar Kilo abzunehmen. Dass Leute in der Fastenzeit auf Alkohol verzichten, findet er durchaus nicht vorbildlich: "Ich teile mir gern mal mit meiner Frau eine Flasche Wein." Ansonsten geizt er in der Öffentlichkeit, trotz aller Mitteilungsfreude, mit Details aus seinem Privatleben: Es gehört nur ihm; auch das ist Bestandteil seiner Philosophie.

In der Branche wird der Fall des Herrn Schreiber mit einer gewissen Häme beobachtet - gerade weil er es lange verstanden hat, sich so gut in der Öffentlichkeit zu verkaufen. Aber er selbst legt Wert darauf, dass er nicht für jeden Größenwahn seines Konzerns verantwortlich ist. Die Konzernzentrale in Mannheim, die noch kräftig ausgebaut wird, sei schon von seinem Vorgänger geplant worden. Die Mannheimer wollte sich mit dem Duft der großen, weiten Welt umgeben - der Bau wurde vom Stararchitekten Helmut Jahn aus Chicago geplant.

Der Versicherungschef sagt aber: "Der bekommt nur ein normales, deutsches Architektenhonorar." Er hält sich zugute, dass im Gegenzug Großraumbüros auf der anderen Straßenseite geräumt wurden. Von diesem Bürostil hält er nichts - Stellwände und Kübel mit Grünzeug sind ihm ein Gräuel. In die Zentrale, die abgesehen vom marmorglänzenden Foyer nüchtern eingerichtet ist, hat er hochkarätige Kunst von Georg Baselitz und Markus Lüpertz hängen lassen.

Schreibers Schicksal indes ist ungewiss - er meint, in eineinhalb Jahren wolle er in Ruhestand gehen. Aber wird es seinen Konzern so lange noch geben? Eines ist jedoch sicher: Er wird im Zweifel lächelnd und mit Stil das sinkende Schiff verlassen.

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