Der Chef des Reiseveranstalters My Travel im Porträt
David Crossland: Der Vater des Pauschaltourismus

Mit dem Rechnen stand er schon immer auf Kriegsfuß. Als David Crossland mit 16 Jahren die Hauptschule in Burnley bei Manchester verließ, war er bereits neun Mal durch die Mathe-Prüfung gefallen. Doch als der Gründer und Chairman des größten britischen Reiseanbieters My Travel vor einigen Wochen die jüngsten Zahlen seines Finanzvorstandes sah, reichte das kleine Einmaleins. Wie er auch rechnete - zurück blieb in den Büchern des Konzerns ein Millionenloch.

LONDON. Was für Crossland ein persönlicher Schock war, ließ bei den Investoren die Alarmglocken schrillen. Drei Gewinnwarnungen in diesem Jahr, schwache Buchungszahlen und nun auch noch eine "Enron-Bilanz", wie die Zeitungen in London spöttisch anmerkten - das war zu viel. Der Kurs des Reiseriesen, der im zurückliegenden Jahr allein auf der Insel sechs Millionen Touren verkauft hat, stürzte ins Bodenlose.

Seitdem ist auch Crosslands Stern gesunken. Lange gefeiert als der Vater des Pauschaltourismus, muss der Millionär mit Luxusjacht und Zweitvilla im US-Staat Colorado - wohin es ihn zum Skifahren zieht - nun um sein Lebenswerk bangen, das er in mehr als 30 Jahren aufgebaut hat. Und um sein Vermögen. Sein Firmenanteil (10 %), in besten Zeiten 250 Mill. Pfund (400 Mill. Euro) schwer, ist heute nicht mal 8 Mill. Pfund wert.

Der fast 56-Jährige, der sich in diesem Monat eigentlich angemessen in den Ruhestand verabschieden wollte, düst nun wieder regelmäßig von seinem Wohnort auf der Kanalinsel Jersey in die My Travel-Zentrale nach Manchester. Die mit seiner Frau für November geplante Weltreise musste er absagen. Midlands statt Hawaii also.

Und Crossland hat in seinem Unternehmen durchgegriffen. Der von ihm vor zwei Jahren eingesetzte Thronfolger Tim Byrne musste bereits den Chefposten räumen. Denn Crossland gilt nicht nur als hemdsärmeliger Motivator, er soll auch schon mal ziemlich rüde werden, wenn ihm etwas nicht passt. Und ihm macht keiner etwas vor. Er kennt jedes Detail in seinem Konzern, zu dem heute 2 000 Reisebüros sowie Kreuzfahrtschiffe und eine Charterfluglinie gehören.

Denn My Travel - das war für Crossland der Lebenstraum. Sein schönster Tag sei darum der 13. August 1963 gewesen, erinnert sich der Mann mit der kantigen Nase gern und lächelt dabei verschmitzt. Das war sein letzter Schultag. Als Gehilfe fing er in einem Reisebüro im Heimatort Burnley an. Dort kochte der 16-Jährige im Hinterzimmer Tee und tütete Prospekte ein. "Plötzlich lernte ich lernen", erinnert sich Schulmuffel Crossland. "All die bunten Prospekte und fernen Ziele faszinierten mich."

Bald verkauft der junge Mann selbst Reisen. 1972 übernimmt er sein erstes Reisebüro - für 8 000 Pfund, voll finanziert auf Pump. Denn aus reichen Verhältnissen kommt Crossland nicht. Der Vater war mal Glasverkäufer, mal Telefonist. Sein Sohn wird in diesem Nachkriegs-England zum gewieften Käufer und Verkäufer. Selbst seine Frau Anne erlebt dies. Natürlich lernt er sie im Reisebüro kennen - als Kundin. Crossland lädt die junge Frau zum Dinner ein. "Aber nicht bevor ich ihr eine Reise verkauft und ihr Geld eingestrichen hatte", erzählt er.

Die Firma wächst schnell, bald auch in Europa, vor allem in Deutschland (FTI Touristik). Und die Probleme beginnen. Das deutsche Geschäft bringt hohe Verluste, der als Partner umworbene deutsche C & N-Konzern lehnt ab, und die geplante Übernahme des UK-Rivalen First Choice geht letztlich schief. Kritiker bemängeln vor allem, dass er sich als Konzernchef auf den Chairman-Posten zurückzog und den Konzern im Februar umbenannte.

Doch jetzt ist der Aufsteiger mit einem Jahreseinkommen von rund 1,6 Mill. Euro wieder da. Wie in alten Zeiten ist Crossland schon um 4.30 Uhr auf den Beinen, um den Konzern zu retten. "Urlaub verkaufen, das ist es, was mich anmacht", lautet sein simples Geständnis. Die Weltreise des Vaters von vier Kindern und acht Enkelkindern muss noch warten. Doch irgendwann geht es nach Australien und Amerika. "Ich war zwar überall", sagt der Reisekönig, "aber gesehen habe ich nichts."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%