Der Chef von L&G reagiert erleichtert
Britischer Versicherer schwört auf Aktien

Die Börsenbaisse macht weltweit der Versicherungswirtschaft zu schaffen, weil sich das Aktienvermögen vielfach in stille Verluste verwandelt hat. Während deswegen in Deutschland die Assekuranz aus Aktien aussteigt, verfolgt die britische L&G eine gegenteilige Strategie: Der Aktienanteil liegt bei 51 Prozent.

LONDON. Der Beginn des Kriegs im Irak ist wohl nur noch Stunden entfernt. Trotzdem bleibt David Prosser, CEO des drittgrößten britischen Lebensversicherers Legal and General (L&G), im Interview mit dem Handelsblatt optimistisch: "Ein Krieg kann dem Markt helfen." Wichtige Entscheidungen in den Unternehmen liegen derzeit auf der langen Bank, das monatelange Tauziehen im Uno-Sicherheitsrat hat die Stimmung der Anleger mit Blei belegt - diese Unsicherheit verschwindet jetzt.

Ein schnelles Ende des Konflikts am Persischen Golf kann nach Prossers Einschätzung den Optimismus zurückbringen. Und wenn der Krieg länger andauern sollte als erwartet? Das ist dann doch eine Frage, mit der sich Prosser lieber nicht zu lange beschäftigt: "Dann dürfte der Markt noch heftiger reagieren als bisher."

Es gibt auch andere Risiken, etwa Terroranschläge auf westliche Städte. Angesichts der durch den 11. September 2001 erreichten Dimension der Terrorrisiken glaubt Prosser: "Die Prämien für die Versicherung von Terrorrisiken werden in nächster Zeit weiter ansteigen."

Wohl kaum jemand leidet unter der derzeitigen Situation so sehr wie die Lebensversicherer - weltweit. In Großbritannien ist die Situation noch dramatischer, weil die Unternehmen dort größere Teile des Anlagevermögens in Aktien investieren; in Deutschland ist der Aktienanteil auf maximal 35 % begrenzt. Angesichts eines langen Bullenmarktes hatten noch vor drei Jahren manche britische Institute bis zu 80 % ihrer Mittel an den Aktienbörsen verteilt. Mittlerweile, im vierten Jahr der Baisse, sind die Überschüsse der Policen-Anbieter aus diesem Grund dramatisch zusammen geschmolzen.

Einer neuen Analyse von Cazalet Financial Consulting zufolge verloren allein die Anbieter der populärsten britischen Pensionspläne (der so genannten With Profit Policies) in drei Jahren rund 150 Mrd. Pfund an Überschusskapital. Die Finanzaufsicht FSA musste in den vergangenen Monaten mehrfach reagieren und ihre strengen Solvenz-Regeln lockern, um nicht einen kompletten Ausverkauf am Aktienmarkt zu riskieren.

In dieser Zeit schlug L&G zu. Der einzige europäische Versicherer mit der Bestnote bei der Kreditwürdigkeit (AAA) von Standard&Poors sammelte 786 Mill. Pfund (fast 1,2 Mrd. ) über neue Aktien ein. Der Großteil der Mittel ist bereits investiert - in Aktien. Derzeit hat L&G 51 % seiner verfügbaren Mittel in Aktien investiert. Kein Wunder also, dass sich Prosser gegen feste Obergrenzen wendet, wie sie manche auch für britische Institute fordern. Man habe sich mit anderen Anlageformen wie Immobilien intensiv befasst, doch auch hier ließen sich die Schwankungen nicht ausschalten. "Die Versicherungen werden nicht um Aktien herumkommen", sagt Prosser.

An die Pleite eines britischen Versicherers glaubt Prosser nicht. Institute wie Britannic seien in jüngster Zeit zwar in die Schlagzeilen gekommen, weil sie Solvenzprobleme bekommen hätten. Auch der Skandal um den Versicherer auf Gegenseitigkeit Equitable Life, der trotz deutlicher Anzeichen einer Solvenz-Krise seine Kunden monatelang im Ungewissen ließ, ziehe weite Kreise.

Doch den Instituten kommt entgegen, dass sie keine Garantie-Auszahlungen leisten müssen. Können sie die Anforderungen nicht mehr erfüllen, senken sie die Auszahlungen an Policen-Halter oder schließen das (kostenträchtige) Neugeschäft ganz. In der Regel verschaffen sie sich dann wieder innerhalb weniger Jahre genügend Liquidität aus den laufenden Einzahlungen existierender Kunden. Die einzige Unternehmenspleite der vergangenen zehn Jahre ist ein kleiner Anbieter namens Oak Life (1993).

Mit dem eigenen Geschäft ist Prosser zufrieden. Zwar ging der operative Gewinn im Geschäftsjahr 2002 um 7 % auf 695 Mill. Pfund zurück, und L&G musste bereits zweimal die Überschuss-Zahlungen kürzen. Allerdings konnte der Versicherer, der sich vor allem auf den britischen Heimatmarkt konzentriert, den Marktanteil dank einer Kooperation mit drei Banken um mehr als zwei Drittel auf 7,8 % steigern. Und das Fondsgeschäft brachte sogar einen Zuwachs von 20 %, trotz der schwierigen Märkte.

In der Vergangenheit fiel der Name L&G immer wieder, wenn ausländische Konzerne einen Einstieg in den UK-Markt suchten. Doch trotz des relativ guten Ergebnisses und eines Aktienkurses, der sich in nur einem Jahr auf 76 p gut halbiert hat, hat der CEO keine Angst vor einer Übernahme. "Ich hatte Sorge, als der Kurs unter 70 p lag", weil das sogar unter dem Wert des damaligen Versicherungs-Portfolios (embedded value) gelegen habe. Doch das habe sich nun geändert. Auch müssten potenzielle Interessenten derzeit selbst mit Schwierigkeiten kämpfen. In der gesamten Branche sieht Prosser in der nächsten Zeit kaum Aktivitäten: "Zwei Betrunkene sind auch nicht stabiler als einer."

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