Der Chef von Vorwerk im Porträt
Jörg Mittelsten Scheid: Der Tradition verpflichtet

Es dampft und brodelt mächtig: Jörg Mittelsten Scheid steht vor mehreren Hundert Mittelständlern auf der Bühne und hat sichtlich Mühe mit einem Bügeleisen namens "Feelina" - eigentlich wollte er dessen Vorzüge demonstrieren. Doch dem Vorwerk-Chef will es nicht gelingen, das Eisen mühelos und elegant über ein faltiges Oberhemd gleiten zu lassen.

WUPPERTAL. Seine Unternehmerkollegen auf dem Frankfurter "Wirtschaftstag 2002" nehmen es mit Humor. Bei einer Produktvorführung vor fachkundigen Hausfrauen hätte der geschäftsführende Gesellschafter der Vorwerk & Co. KG wohl keines der neuen Bügelsysteme verkaufen können.

Mittelsten Scheid ist der Lenker und Denker des traditionsreichen Vorwerk-Imperiums: Mit 45 300 Mitarbeitern - davon 28 400 Produktberater - setzte das Familienunternehmen im vergangenen Jahr 1,2 Milliarden Euro um. Mehr als drei Viertel seiner Geschäfte macht Vorwerk mit dem Direktvertrieb von Staubsaugern, Küchenmaschinen oder Bügeleisen: Verkauft wird an der Haustür, die Produktberatung gibt es im Wohnzimmer des Kunden.

Doch der Urenkel von Unternehmensgründer Carl Vorwerk, lässt sich zwar hin und wieder zu unterhaltsamen Produktvorführungen unter seinesgleichen hinreißen - das knallharte Geschäft an der Haustür hat er aber nie persönlich durchlitten. "Unsere besten Verkäufer sind schließlich solide Handwerker, die Vertrauen und Zuverlässigkeit ausstrahlen und das Gerät sprechen lassen", sagt er.

Im klassischen Zweireiher wirkt auch der Unternehmenschef seriös und zuverlässig. Aber der Begriff "Handwerker" will zu ihm dann doch nicht passen. "Er ist ein sehr intelligenter und intellektueller Mann", sagt ein langjähriger Geschäftsfreund. "Aber er ist kein idealtypischer Unternehmer, sondern eher ein Wissenschaftler."

Die Arbeit an der Basis hat Mittelsten Scheid nie interessiert. Als sein Onkel ihn 1966 ins Unternehmen holte, unterbrach er seine Universitätskarriere. "Ich hatte mich nie als Forscher gesehen, sondern immer in der Lehre. Die Diskussionen mit den Studenten haben mir großen Spaß bereitet", sagt der promovierte Völkerrechtler. Dennoch haben ihn die möglichen Erfolgserlebnisse des Unternehmerdaseins gereizt. Nicht ganz ohne Selbstzweifel: "Damals standen viele Fragen im Raum: Würde ich hier angenommen oder eher belächelt werden? Wie schnell kann ich das Geschäft erlernen?" Das ihn einst solche Selbstzweifel plagten, können sich seine Mitarbeiter heute kaum noch vorstellen. "Er ist ein Mann mit Charisma", sagt ein Vorwerker.

Nach 33 Jahren an der Vorwerk-Spitze blickt Mittelsten Scheid zufrieden auf sein Werk zurück. Der Träger des großen Verdienstkreuzes hat die Internationalisierung des Konzerns maßgeblich vorangetrieben. Heute ist Vorwerk in knapp 50 Ländern vertreten, zuletzt hat das Unternehmen Lux Asia Pacific, die frühere Vertriebsorganisation von Electrolux in Singapur, gekauft. Auch das Portfolio hat der geschäftsführende Gesellschafter stark ausgebaut: Neben Teppichen, Hausgeräten und Küchen sind die Geschäftsfelder Gebäudedienste (Hectas), Finanzdienstleistungen (AKF-Gruppe) und IT-Dienstleistungen (Zeda) hinzugekommen.

Vorwerk hat eine Eigenkapitalquote von 52 Prozent - und schreibt tiefschwarze Zahlen, heißt es. Ergebnisse veröffentlicht das Familienunternehmen nicht. Ende 2004 will der heute 66-Jährige in den Beirat wechseln. Bis dahin muss sein Nachfolger eingearbeitet sein, der zum ersten Mal nicht aus der Familie stammen wird. Seine Kinder, sieben und neun, seien noch zu jung. Auch der Einstieg der Töchter aus erster Ehe, 33 und 35 Jahre alt, käme derzeit nicht in Frage. "Die bestmögliche Qualifizierung der Unternehmensleitung ist das oberste Gebot", sagt der Vorwerk-Chef.

Der Mittelständler, den das "Manager Magazin" an hundertster Stelle der vermögendsten Deutschen nannte, hält sich nach eigenen Worten schon heute aus dem Geschäft zurück. Zu Wort meldet er sich nur, wenn es um strategische Weichenstellungen sowie Investitions- und Personalentscheidungen geht. Dann ringt der Mensch Mittelsten Scheid mit dem Unternehmer Mittelsten Scheid. "Vielleicht halten wir manchmal zu lange an schwachen Mitarbeitern fest", sagt der Chef. Aber dies sei eine Form von Luxus.

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