Der Crossair-Chef ist der neue Hoffnungsträger der Schweiz
André Dosé: Der Seelendoktor der Eidgenossen

Das Ausmaß des Swissair-Desasters wird von Tag zu Tag deutlicher. Während ein ganzes Land in einer Mischung aus Wut und Trauer auf sein abgestürztes Nationalsymbol schaut, bangen Tausende Mitarbeiter der eidgenössischen Airline um ihren Job. In all diesen Wirren wird ein Mann unverhofft nach oben gespült: André Dose, Chef der Regionalfluggesellschaft Crossair, soll die Schweiz und ihre Luftfahrt vom Trauma befreien.

HB FRANKFURT/MAIN. Bis zuletzt ruhten alle Hoffnungen auf Mario Corti. Wenn einer das heillose Beteiligungsgestrüpp der Swissair entwirren könne, dann der frühere Finanzvorstand des Schweizer Nahrungsmittelmultis Nestlé, hieß es bei seiner Berufung zum Chef der Swissair Group im Frühjahr 2001. Hinzu kam: Aus dem Kreis der internen Kandidaten für das Spitzenamt war Corti der einzige nicht vorbelastete.

Doch nun ist auch Super-Mario mit seinem Finanzlatein am Ende: Die Frage, ob der fachlich hoch geschätzte Manager versagt hat oder ob Swissair schon nicht mehr zu retten war, als er sein Amt antrat - kaum einer stellt sie noch.

Die Schweizer Luftfahrt sucht einen neuen Hoffnungsträger - jetzt, da ihr stolzes Nationalsymbol zerschellt am Boden liegt. Vor allem sucht sie jemanden, der anders als Corti das Geschäft von der Pike auf gelernt hat. Der ein neues Streckennetz knüpfen kann, großmaschiger zwar als bisher, dafür aber profitabel. Der einen Kulturwechsel hinbekommt - weg vom Züricher Hochmut, hin zum Effektiven, Unkonventionellen. Vielleicht wird die Schweiz glücklich mit einem Mann wie André Dosé, der scheinbar immer freundlich lächelt, der sich aber an die Repräsentationspflichten als Chef eines der wichtigsten Schweizer Unternehmen erst noch gewöhnen muss.

Dosé hat mit dem elitären Gehabe der alten Swissair-Garde nichts gemein. Vielleicht, weil er ganz unten angefangen und deshalb schon früh gelernt hat, mit den knappen Bordmitteln hauszuhalten. Er hat noch Gepäck aufgeladen in der früheren Luftverkehrsschule der Swissair und Gurkenscheiben auf Sandwiches gelegt. Als junger Pilot flog er für eine Hand voll Dollar Sprühflugzeuge über die Baumwollfelder von Louisiana.

Sein jetziger Wohnort, mitten auf einer früheren Pferdeweide im Dorf Münchwilen, verrät manches über den Charakter des 44-Jährigen. Dort wohnt er mit Frau Sandra und drei Kindern auf dem Grundstück der Großeltern - unauffällig, abgeschieden. "Die Ruhe zu Hause ist phantastisch. Ich brauche das zum Regenerieren", sagt er und lächelt schüchtern. Kollegen kommt diese Art bekannt vor. "Freundlich bis herzlich, vor allem immer auf Teamarbeit bedacht", sagt ein Weggefährte über Dosé. Noch heute hält er für die Fußball-Betriebsmannschaft FC Crossair die Knochen hin. Einst stand er im Tor des Schweizer Junioren-Nationalteams, bis er mit dem Rücken gegen einen Pfosten krachte.

Sein steiler Aufstieg seit Frühjahr 2001 erinnert ein Märchen. Den Spitzenjob bei Crossair bekam er nicht beim Vorstellungsgespräch, sondern auf dem Skihang. Dort fragte ihn Crossair-Gründer Moritz Suter, ob er nicht sein Nachfolger werden wolle. Nun folgt die nächste Beförderung: Sobald Mario Corti die Swissair abgewickelt hat, wird Crossair-Chef Dosé die Regie übernehmen.

Vom Regional- zum Überflieger? Dosé hat erste Gratulanten freundlich zurückgewiesen. "Der Gewinner ist nicht Crossair, sondern die zivile Luftfahrt in der Schweiz", gab er zu Protokoll, ehe er via Handy von der nächsten Hiobsbotschaft erfuhr. Seit Dienstag ist der Flugverkehr zusammengebrochen: Swissair fehlt das Geld, den Flugzeugen der Sprit und Zehntausenden von Passagieren die Geduld. Viele Kunden laufen zum deutschen Erzrivalen über. Die Lufthansa bietet seit gestern zusätzliche Kapazitäten auf den Strecken Deutschland-Schweiz an. Dort hatte die Swissair Group - getreu ihrem olympischen Motto "schneller, höher, weiter" - zuletzt kräftig expandiert. Allein zwischen 1996 und 2000 erhöhte Swissair die Zahl der Sitzplätze im Nachbarverkehr von 21 000 auf 40 000.

Dosé muss den Schub jetzt kräftig drosseln. Denn Branchenexperten sind fest davon überzeugt, dass die bisher bekannt gegebenen Einsparmaßnahmen noch längst nicht ausreichen, um die Schweizer Vögel wieder auf Erfolgskurs zu bringen.

Der nette Herr Dosé hat bei Crossair das Sparen zum Prinzip erhoben. Darüber hinaus wird er jetzt auch Härte beweisen müssen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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