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Der Depression ein Ende bereiten

Nikolaus Pipers Buch "Willkommen in der Wirklichkeit" ist ein Plädoyer für die Soziale Marktwirtschaft

Man kann über Wirtschaft akademisch diskutieren - so wie das Ifo-Chef Hans-Werner Sinn und sein Kollege aus dem Sachverständigenrat, Peter Bofinger, derzeit tun. Sinns Buch ("Ist Deutschland noch zu retten?") ist zu einem Bestseller geworden. Bofinger findet mit seiner Replik ("Wir sind besser, als wir glauben") breiten Widerhall, weil er sich in Zeiten des Sparens ausdrücklich für Lohnerhöhungen ausspricht.

In derart leidenschaftlichen Debatten tut gelegentlich die ausgeruhte, eher abwägende Sicht eines erfahrenen Publizisten gut. Der Wirtschaftsjournalist Nikolaus Piper hat mit "Willkommen in der Wirklichkeit" ein Buch geschrieben, das eine kritische Bestandsaufnahme der ökonomischen Situation in Deutschland liefert.

"Unter Depressiven" heißt das Einleitungskapitel, in dem es um die Stimmung der Deutschen im Jahre 2004 geht. Schlecht sei sie, so schlecht wie seit 1948 nicht mehr. "Die Deutschen müssen endlich erkennen, dass Deutschland ein Land wie jedes andere ist", sagt Piper im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Wir müssen unsere Probleme selbst lösen."

Wie das gehen soll, sagt der Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung auch: runter mit den Subventionen, mehr Wettbewerb im Bildungssystem, gesetzlich verankerte Öffnungsklauseln für Tarifverträge, weniger Bürokratie - sein Maßnahmenkatalog enthält alles, was das Herz reformorientierter Ökonomen und Politiker höher schlagen lässt.

Anders als manch ein Wissenschaftler kann sich der Publizist Nikolaus Piper einen unkonventionellen Blick auf ökonomische Debatten erlauben. Die wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler des vergangenen Jahrhunderts sind für ihn Friedrich von Hayek und John Maynard Keynes - "und zwar in dieser Kombination".

Dies ist insofern überraschend, als Hayek (1899 - 1992) und Keynes (1883 - 1946) von vielen Ökonomen als rundweg gegensätzliche Charaktere wahrgenommen wurden. So wollte Hayek den Staat in seinem ökonomischen Handeln beschränken, während sich Keynes für eine aktive Rolle des Staates einsetzte. Was also eint die beiden? "Hayek hat die Funktionsweise von Märkten erklärt, und Keynes hat das Denken in makroökonomischen Kategorien gelehrt. Beides gehört zusammen", sagt Nikolaus Piper.

Sein Buch tritt für die Ideen der Sozialen Marktwirtschaft ein. "Wer unpopuläre Schritte verwirklichen will, muss ein Leitbild vermitteln können." Freiheit, Wettbewerb und Wachstum seien die Grundpfeiler einer modernen Ökonomie. "Jeder Mensch soll die Chance haben, das Beste aus seinem Leben zu machen." Diese Art der Chancengleichheit könne aber nicht bedeuten, dass alle gleich viel Geld haben. Sonst drohe eine Inflation der Ansprüche.

In diesem Lichte bewertet der Wirtschaftsjournalist auch die Konsequenzen der deutschen Einheit kritisch. "Das ökonomisch Richtige wäre zur Zeit der Wende wohl politisch nicht durchsetzbar gewesen", sagt er und meint damit, dass der Umtausch von Ost-Mark zu D-Mark im Verhältnis 1:1 ein Fehler war. Heute seien die Transfers von West nach Ost die größte Wachstumsbremse für Deutschland.

Mit seinem Buch will Piper Werbung für einen "neuen Aufbruch" machen. "Die depressive Selbstbespiegelung der Deutschen muss ein Ende haben", sagt er. Willkommen in der Wirklichkeit.

Nikolaus Piper: Willkommen in der Wirklichkeit, dtv-Verlag, München 2004, 160 Seiten, 12 Euro

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