Der designierte Chef des Pharmariesen Aventis
Igor Landau: Der unsichtbare Kommandant

Der große Unbekannte im Vorstand von Aventis wird Nachfolger von Jürgen Dormann. Igor Landau muss die auseinander driftenden Kräfte im Konzern zusammenhalten.

Früher als geplant zieht sich die erste Führungsspitze des deutsch-französischen Pharmakonzerns Aventis aus dem Vorstand zurück. Bei der Suche nach einem Nachfolger für den ehemaligen Hoechst-Chef Jürgen Dormann fiel die Wahl auf den 57 Jahre alten Igor Landau. Er wird den Konzern, der gerade seine Agrochemie an Bayer abgibt, in den kommenden Jahren führen, in denen die Konsolidierung Vorrang hat. Sein Stellvertreter - mit erweiterter operativer Vollmacht - wird der Amerikaner Richard Markham, wie Landau ein Pharmaspezialist.

Aus Sicht einiger Beobachter schreibt die Entscheidung für Landau, der beim Aventis-Vorläufer Rhône-Poulenc stets im Schatten von Vorstandschef Jean-René Fourtou stand, den heiklen nationalen Proporz im Unternehmen fort: Heute war ein Deutscher Chef, morgen ist es ein Franzose. Doch längst dominieren die Amerikaner an vielen Stellen des Konzerns das Pharmageschäft - ein Fakt, an dem niemand bei Aventis mehr vorbeikommt - auch Landau nicht.

Doch der Absolvent von Frankreichs Eliteschule Insead, der lange in den USA gelebt hat, ist ein Mann ohne Ego-Probleme: Landau hat eines, und er hat absolut kein Problem damit. Stets überragt er die meisten Manager-Kollegen um Haupteslänge. Seine Präsenz ist beeindruckend, gelegentlich erdrückend. Mit tiefer Stimme pflegt er längere Diskussionen im Kollegenkreis mit einem Satz zusammenzufassen - und jeder im Raum weiß: Die Zeit zu reden ist beendet, jetzt wird gehandelt.

Teamarbeit ist für Landau ein Führungsinstrument. Auch wo er hierarchisch nur der zweite oder dritte Mann ist, muss er sich nicht in Frage stellen lassen. Er delegiert, und das energisch. "Landau ist der Typ des Kommandanten", sagt einer, der ihn lange Jahre aus der Nähe erlebt hat. Im einen Moment noch charmant, kann er seinem Temperament im nächsten Moment durchaus einmal explosiv Luft machen.

Seine Biografie weist Brüche auf. Von seinen Eltern auf den Namen Gilbert François getauft, ändert er später seinen Vornamen in Igor. Wenn ihn jemand bei seinem Taufnamen ruft, reagiert er nicht. Doch im Flurgespräch der früheren Rhône-Poulenc-Zentrale lebt er als "Gilbert" weiter.

Igor Landau stammt aus einer russischen Familie, die aber schon vor drei Generationen ins bitterarme zentralfranzösische Cantal einwanderte. Mit Deutschland ist Landau eng verbunden: Ende der 60er-Jahre arbeitet er drei Jahre lang in Frankfurt. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, mit der er eine inzwischen erwachsene Tochter hat. Er spricht unsere Sprache fast akzentfrei, lässt dies aber deutsche Gesprächspartner zuweilen erst am Schluss der Unterhaltung wissen.

Der Manager ist weit weniger mit seiner Heimatregion verwurzelt als andere französische Manager. Zu sehr schätzt er das große Pariser Kulturangebot, ohne sich aber ständig mit "tout Paris" sehen zu lassen. Diskretion ist dem Sammler moderner Malerei ein Muss. Auch beruflich bevorzugte er bislang Dezenz, war aber zweifellos der starke Mann hinter Fourtou.

Diesem hat Landau einige Jahre in der Branche voraus. Als er 1975 bei Rhône-Poulenc anheuerte, war der Konzern noch ein Chemiekonglomerat, das die Zukunft der Industrie eher in Nylonfäden und Viskosefasern sah. Landau übernahm die kleine Sparte Gesundheit und baute sie durch Akquisitionen zum Kerngeschäft aus.

Wenn sich nach der Hauptversammlung am 14. Mai Dormann und Fourtou in den Aufsichtsrat zurückziehen, tritt Landau aus ihrem Schatten ins Rampenlicht. "Niemand hat daran geglaubt, aber nun hat er erreicht , was er wohl immer angestrebt hat", sagt eine langjährige Mitarbeiterin.

Nun kommt es darauf an, wie gut er das Führungsteam an der Spitze zusammenhalten kann, in dem vor allem einige sehr ehrgeizige und machtbewusste Amerikaner mitspielen. Vor allem muss er Richard Markham bei der Stange halten, der selbst Ambitionen auf den Chefposten hatte und hat.

Ohne den starken Mann für das operative Geschäft ist Aventis nur noch die Hälfte wert, sagen Leute in der Branche. Das weiß Markham - und das wird auch Vorstandschef Landau wissen. So gilt Landau bei Aventis eher als ein Mann des Übergangs.

Er wird es sich dennoch nicht nehmen lassen, in seiner Amtszeit eigene Akzente zu setzen.

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