Der Deutsche Handball-Bund glaubt kaum noch daran, einen Titelsponsor zu finden
Mission impossible

Mit Magdeburg, Kiel, Lemgo und Nordhorn trifft beim DHB-Pokal-Finale am Wochenende die Creme de la Creme des deutschen Handballs aufeinander. Doch mit der Vermarktung tut sich die Liga nach wie vor schwer.

NEUSS. Seinem mit Spannung erwarteten Auftritt bei der abschließenden Arbeitstagung heute in Hamburg sieht Jens Oestreich, Projektmanager Handball bei der Deutsche Städte Medien (DSM), mit gemischten Gefühlen entgegen. Schließlich kann der 34-Jährige im Vorfeld der erstklassig besetzten Pokal-Endrunde "Final Four" der Herren in der ausverkauften Alsterdorfer Sporthalle am Wochenende vor der Führungsetage des Deutschen Handball-Bundes (DHB) und den versammelten 18 Bundesliga-Managern nicht die erhoffte frohe Botschaft verkünden.

Denn eigentlich wollte Oestreich bis zum Ostersonntag einen finanzkräftigen Partner gefunden haben, der ihm ein nicht ganz preiswertes Produkt abnehmen sollte. In einer fiktiven Kleinanzeige über den angepeilten Deal würde ungefähr folgender Text stehen: "Biete attraktives Titelsponsoring der Handball-Bundesliga plus exklusive Trikotwerbung bei der Nationalauswahl sowie umfassende Bandenrechte und Bodenflächenwerbung in den Hallen der Vereine. Beginn ab der Saison 2002/2003. Gesamtpreis: 3,8 Millionen Euro."

Klingt eigentlich nach einer durchaus vernünftigen Kalkulation, nicht nur auf Grund der ermittelten 449 Millionen TV-Kontakte, die der Handball in der Vorjahressaison erzielte - überwiegend dank des Deutschen Sport-Fernsehens (DSF). Zum Vergleich: Die identische Summe verlangt die DSM beispielsweise von jenem Sponsor, der seinen Schriftzug allein auf die derzeit blanken Trikots des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen drucken lassen will.

Doch selbst die aktuelle sportliche Lage in der deutschen Handball-Szene mit immerhin drei Vereinen in Europapokal-Endspielen und gleich sechs ernsthaften Meisterschaftsanwärtern von Nordhorn bis Magdeburg half nicht bei der Lösung des gravierendsten Problems. "Die hohe Wertigkeit dieser Zentralvermarktung und das enorme Potenzial der Sportart wird ja von den potenziellen Interessenten ausnahmslos anerkannt. Aber erst seit Jahresbeginn die Klinken offiziell zu putzen, entpuppte sich einfach als ein zu später Zeitpunkt. Da sind die meisten Etats in der Wirtschaft eben schon fest verplant", grämt sich der erfahrene Media-Berater Oestreich über den verpassten Vertragsabschluss. Das Mitgefühl von Versicherungsvertretern oder Autoverkäufern ist ihm sicherlich gewiss, auf grenzenloses Verständnis bei den nachvollziehbar ungeduldigen DHB-Oberen kann er in diesen Tagen aber kaum spekulieren.

An fehlendem Engagement des Dauerkartenbesitzers beim Ex-Meister THW Kiel lag es jedenfalls nicht: Seit die DSM am 10. Januar von DHB-Präsident Ulrich Strombach die schriftliche Legitimation für die schwierige Mission erhalten hatte, fanden knapp 50 Präsentationen vor Agenturen oder Firmen aus immerhin 26 Branchen aller Couleur statt. "Nur Brauereien, beispielsweise ein denkbarer Kandidat wie Hasseröder, kamen nicht in Frage. Denn bei vielen Klubs, die längst mit Biermarken kooperieren, würde es sonst zu starken Interessenkollisionen führen", erläutert Oestreich. Dass Handball nach einer Studie der Kölner Sport + Markt AG als populärste Mannschaftssportart hier zu Lande nach dem übermächtigen Fußball gilt, hatte sich - sehr zum Leidwesen des Norddeutschen - noch nicht flächendeckend herumgesprochen: "Ein breites Fachwissen war leider nicht überall zu erkennen. Bei einigen Terminen tauten meine Gesprächspartner erst auf, als sie Bilder von Stefan Kretzschmar sahen. Dann lautete aber die erste Frage in der Regel: Ist das nicht der Freund von Franziska van Almsick?" Für den Weltklassespieler von Titelverteidiger SC Magdeburg ist diese oberflächliche Einschätzung sicherlich kein Problem, für Oestreich dient sie als Bestätigung seiner These: "Viele angebliche Experten denken unbelehrbar, dass dank der deutschen Silbermedaille bei der EM in Schweden nun die Vermarktung zum lockeren Selbstgänger mutieren müsste. Aber deswegen fällt der erforderliche Betrag von 3,8 Millionen Euro auf den Tisch des Hauses um keinen Cent niedriger aus."

So erinnerten seine in schöner Regelmäßigkeit gelieferten Zwischenberichte an das mit dem Thema vertraute DHB-Gremium, dem die Geschäftsführer Horst Bredemeier (Minden), Uwe Schwenker (Kiel), Fynn Holpert (Lemgo) sowie Bundestrainer Heiner Brand und Ligaausschusschef Heinz Jacobsen angehören, letztlich an den lästigen Knopfdruck auf eine Wiederholtaste: "Ich befinde mich unter den gegebenen Umständen in hoffnungsvollen Verhandlungen." Doch das herbeigesehnte Happyend für das auch von kritischen Stimmen aus der Liga begleitete Projekt bleibt wohl aus, bis heute erwartet Oestreich noch eine Reaktion der beiden letzten ungeklärten Kontakte - vielleicht sichert sich dann buchstäblich in letzter Sekunde ein Nahrungsmittelunternehmen oder ein Internetanbieter den Zuschlag. "Es wäre natürlich ein Traum, aber ich rechne nicht ernsthaft damit."

Ansonsten nimmt die DSM, die im Fußball die Bundesliga-Stadien von Schalke, Rostock, Bremen und Mönchengladbach erfolgreich vermarktet, spätestens im Sommer wieder die Arbeit unter größten Anstrengungen auf. Dann geht es erneut auf die Suche nach einem verlässlichen Sponsor - natürlich erst für die Spielzeit 2003/2004.

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