Der deutsche Skirennsport steckt in der Krise
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Sportlich und finanziell ist die Alpin-Abteilung derzeit das Sorgenkind des Deutschen Skiverbandes (DSV). Die deutschen Athleten fahren der Weltspitze hinterher und dem Verband fehlt nach der Kirch-Pleite sogar das Geld für das traditionelle Damen-Rennen in Garmisch.

DÜSSELDORF. Was wie die Ziehung der Lottozahlen klingt, sind die Weltcup-Platzierungen der deutschen Skirennläufer in den kanadischen Rocky Mountains: 37, 39, 43, 41 und 42. Bei den Damen sieht es kaum besser aus. Einzig Hilde Gerg und Martina Ertl können mit der Weltspitze mithalten.

Die sportliche Misere ist gleichzeitig auch eine finanzielle. Denn was früher Geldquelle war, ist heute ein Zuschussgeschäft. In diesem Jahr fehlt sogar das Geld für das Damen-Rennen in Garmisch-Partenkirchen. "Der Alpin-Bereich ist derzeit unser Sorgenkind", sagt Thomas Mayr, Marketing-Leiter beim DSV über das frühere Flaggschiff. Grund für Mayrs Sorgenfalten: Die Sponsoren wenden sich lieber den erfolgreichen Sportarten des DSV zu. Beispiel: Noch bis 1998 war die Brauerei Warsteiner der Geldgeber des DSV-Alpin-Teams, doch mittlerweile sponsert das sauerländische Unternehmen die Nordischen Kombinierer um Olympia-Silbermedaillengewinner Ronny Ackermann. Simple Begründung von Brauerei-Sprecher Michael Walewski: "Weil die gut sind."

Anders die Skirennläufer: Der letzte Deutsche in der Weltspitze war Markus Wasmeier - und der hat nach seinem Doppel-Olympiasieg 1994 in Lillehammer seine Karriere beendet. Trotz dieser langen Durststrecke ist Ski alpin nach einer Untersuchung der Marktforscher Sport + Markt nach Skispringen und Biathlon weiterhin die beliebteste Wintersportart im Fernsehen. Im Gegensatz zum Skispringen, wo RTL die Superstars Hannawald und Schmitt mit 25 Kameras ins rechte Licht rückt, gestaltet sich die Medienpräsenz des Skirennsports äußerst schwierig.

Dabei sollte eigentlich alles besser werden: Für die Saison 2002/2003 waren aufwendige Übertragungen geplant. "Ski alpin sollte bei Sat 1 ähnlich aufgebaut werden wie Skispringen bei RTL", erklärt DSV-Marketingchef Mayr. Doch der Kölner Privatsender, Inhaber sämtlicher Übertragungsrechte der DSV-Veranstaltungen, hatte den alpinen Skisport an die Taurus Sport Deutschland der Kirch-Gruppe vergeben.

Aber nach der Kirch-Insolvenz hing der DSV in der Luft. Die Übertragungen waren plötzlich nicht mehr gesichert. "Wir konnten die Damen-Rennen in Berchtesgaden sowie die Damen- und Herren-Rennen in Garmisch-Partenkirchen nicht rechtzeitig vermarkten", berichtet Mayr. Der DSV bleibt deshalb auf Kosten in Höhe von rund einer Millionen Euro sitzen. "Von den drei Rennen zahlen wir nun zwei aus eigener Tasche", erklärt Mayr. Das Damen-Rennen in Garmisch sei allerdings nicht mehr finanzierbar. Für die Übertragung der zwei übrigen Rennen gab es eine Notlösung: Die ARD zeigt den Herren-Weltcup in Garmisch, RTL springt ausnahmsweise in Berchtesgaden ein.

Doch unabhängig von den Problemen mit den Übertragungsrechten wäre die Suche nach Geldgebern mit guten Leistungen deutscher Rennläufer leichter gewesen, räumt Mayr ein. Aber mit denen kann der DSV-Trainerstab derzeit leider nicht dienen. Bei der Herrenmannschaft sind im Moment nur Max Rauffer, Andreas Ertl, der leicht verletzte Stefan Stankalla und Nachwuchsfahrer Peter Strodl überhaupt einsatzbereit. Beste Platzierung bislang: Platz 37 von Rauffer beim Super-G in Lake Louise. In dieser Woche wurde sogar darüber diskutiert, ob die Mannschaft überhaupt noch im Weltcup starten solle. "Wir können nicht den ganzen Winter mit solchen Ergebnissen leben", kommentierte Walter Vogel, Alpin-Chef beim DSV die deprimierenden Resultate. Cheftrainer Martin Oßwald beendete in dieser Woche alle Spekulationen: Das Team fährt auch bei den anstehenden Rennen in Europa. Die richtige Entscheidung, meint Ex-Weltklasse-Fahrer und ARD - Kommentator Christian Neureuther: "Denn wenn kein Deutscher fährt, schaltet keiner mehr ein." Doch die reine Fernsehpräsenz reicht nicht aus: Schwache Leistungen und niedrige Einschaltquoten waren für den ehemaligen Großsponsor Warsteiner 1998 die Gründe, sein Engagement bei den Alpinen des DSV zu beenden. "Das Preis-Leistungsverhältnis stimmte nicht mehr", begründet Warsteiner-Sprecher Walewski den Rückzug.

DSV-Marketing-Chef Mayr hofft auf Alpin-Chef Vogel. Der soll den DSV wieder konkurrenzfähig machen. "Doch um die Aufgabe beneide ich ihn nicht", sagt der Marketing-Chef. Vogel kämpft seit Jahren mit einem großen Problem: Die deutschen Nachwuchsläufer schaffen nicht den Sprung vom Jugendalter in den Leistungssport. "Im Jugendbereich sind wir noch im Bereich der Weltbesten", erklärt er, doch dann schaffe es kaum einer bis in die Weltelite. Den Grund sieht der Alpin-Chef des DSV in den vergleichsweise schlechten Trainingsbedingungen. Vor allem fehlen rein skisportbezogene Schulen und Ausbildungsstätten. "Eigentlich müsste sich die Schule den Bedingungen des Sports anpassen", sagt Vogel.

Doch selbst am Ski-Gymnasium in Berchtesgaden sei dies nicht ausreichend, meint er mit Blick auf die Konkurrenz.

Denn die arbeitet deutlich professioneller. Die derzeit führende Ski-Nation Österreich hat nach dem Debakel bei der Weltmeisterschaft 1987 ein ausgefeiltes Fördersystem aufgebaut. "Der Österreichische Skiverband betreut in Zusammenarbeit mit den Bundesländern sieben Schulen für Nachwuchstalente bis 14 Jahre", erklärt Österreichs Jugend-Koordinator Arno Staudacher. Danach werden die Besten auf drei weiterführenden Schulen zusammengezogen und bis zum Eintritt in den Profikader intensiv betreut. Ein System mit durchschlagendem Erfolg: "88 Prozent der Athleten unseres Nationalteams haben diese Schulen durchlaufen", berichtet Staudacher. Darunter sind so klangvolle Namen wie Stephan Eberharter, Benjamin Raich oder Michaela Dorfmeister.

In Deutschland hingegen "machen an der Basis noch Ehrenamtliche das Training", berichtet Vogel. Und ohne Geld von Sponsoren und dem Staat werde sich daran auch nichts ändern. Entsprechende Anfragen habe der DSV allerdings zuletzt nicht mehr gestartet.

Dabei könnte sich mehr Engagement in diesem Bereich lohnen. "Für gute Projekte gibt es immer Geld", meint Simon Trägner von der Sponsoring-Agentur Akzio. Er sieht durchaus Chancen für den DSV, Geldgeber zu finden. Und auch von staatlicher Seite scheint es Bewegung zu geben. Das bayerische Kultusministerium plant eine Verbesserung der Sportförderung. Man habe die Verbände gebeten, ihre Wünsche zu äußern. "Vom DSV sind uns bislang keine Forderungen bekannt", teilte Pressesprecherin Brigitte Waltenberger mit.

Da bleibt vorerst nur Eines: Am nächsten Rennwochenende wieder Lotto spielen.

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