"Der Dinosaurier des HGB" ist Finanzvorstand der Volkswagen AG
Bruno Adelt: Der Zauberer der stillen Reserve

Wenn VW Geschäftszahlen Quartal präsentiert, machen sich Analysten stets auf die Suche nach Schein und Sein in der VW-Bilanz.

HB HANNOVER. Fein gerahmt hängt ein Zeitungsartikel neben der Bürotür: "Der Dinosaurier des HGB" steht darüber, und gemeint ist Bruno Adelt. Andere Finanzvorstände hätten vielleicht die ganze Auflage der Zeitung aufgekauft und heimlich verbrannt. Der Finanzchef des VW-Konzerns steht davor und freut sich des Lebens. Nicht nur, dass ihn das Etikett nicht störe, sagt er, viel besser: Er habe es selbst erdacht.

Mit einem wie ihm können Investmentbanker und Analysten nicht wirklich glücklich werden. Bei ihnen ist er verschrien als notorischer Nebelwerfer, als Zauberer der stillen Reserve und Totschweiger des Aktienkurses - eben irgendwie ein Fossil, das immer noch die Gnade der HGB-Bilanzierung nutzt, um das Ergebnis, wie er selbst sagt, zu "glätten". Ihm bedeutet das Verlässlichkeit, den Analysten Kosmetik. Jedes Mal, wenn VW Zahlen veröffentlicht - inzwischen auch nach IAS-Standard-, machen sie sich wieder auf die Suche nach Schein und Sein.

Ab und zu wollen Gerüchte von seinem Abschied wissen. Am Ende ist es eine Frage der Wortwahl: Sein Vertrag läuft nur noch bis Ende 2002, dann wird er 63 sein. Über die Verlängerung "entscheiden der Aufsichtsrat und meine Frau".

Dass die jungen Männer in der Finanzbranche nichts mit ihm anfangen können, irritiert Bruno Adelt ein bisschen. Natürlich will auch er einen höheren Aktienkurs. "Ich liebe hohe Kurse", sagt er. Aber ein Unternehmen ist für ihn mehr als eine Aktie, und das muss nicht jede Albernheit mitmachen, damit die Börsianer ihren Spaß haben. Das ist, frei formuliert, die Philosophie des Bruno Adelt. Auch im eigenen Konzern liebt sie nicht mehr jeder, aber Adelt hat zu viel erreicht, als dass man sie einfach abtun könnte.

In einem Alter, wo Analysten ihre Karriere starten, hatte er schon zehn Berufsjahre hinter sich. Studenten pflegt Adelt zu beruhigen: Sie sollten sich keine Sorgen machen, man könne es auch als Akademiker in den Vorstand bringen. Er selbst hat es halt anders gemacht. 1956, mit 17, trat er in Wolfsburg die Lehre zum Industriekaufmann an. Es gebe Bilder, erzählt er, die ihn vor dem halb fertigen Büroturm zeigten. Das Haus steht inzwischen unter Denkmalschutz.

Solchen Schutz hat Adelt nicht nötig. Abgesehen davon, dass er sich in seiner vorsichtigen Bilanzpolitik mit Vorstandschef Ferdinand Piëch einig weiß, kennt er jeden Winkel im verzweigten VW-Reich, hat jeden Controller selbst eingesetzt. Und er weiß recht gut, dass Piëch ohne seinen Hüter der Reserven nie erreicht hätte, was er erreicht hat. Der Finanzvorstand gehört deshalb zu den wenigen, die sich eine eigene Meinung leisten. Als Piëch sich zu Jahresbeginn auf Gewinnrekord und andere Ziele festlegte, formulierte Adelt fein, aber hörbar anders. Die Verfechter der in jeder Hinsicht luxuriösen Projekte Bugatti und Bentley kennen ihn als konzerninternen Skeptiker.

Wer Adelt zum Wolfsburger Lokalgewächs und Pfennigfuchser degradiert, der irrt. Er war für VW in den USA und Mexiko, aus gemeinsamen Zeiten in Brasilien bestehen freundschaftliche Bande zu Ford-Chef Jacques Nasser. Das Fachblatt "Automotive News Europe" hat ihn gerade zu den "Eurostars" der Branche gezählt. Das wird ihm gefallen haben. Dass er öffentlich oft dröge erscheint, stört ihn - besonders dann, wenn seine Frau das auch findet. Sie haben 1961 geheiratet, die ersten Belegschaftsaktien von VW gingen für die Wohnungseinrichtung drauf.

Das sollte die Analysten beruhigen, beweist es doch ein ziemlich gesundes Verhältnis zur Aktie.

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