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Der diskrete Charme der brasilianischen Kaffeeoligarchie

Brasilien wird seit der Kolonialzeit von 400 Familien regiert - heißt es. Vergangene Woche bei der 2. Weltkaffeekonferenz im Salvador/Bahia waren vielleicht zwei Drittel der Clans davon versammelt.

Brasilien wird seit der Kolonialzeit von 400 Familien regiert - heißt es. Vergangene Woche bei der 2. Weltkaffeekonferenz im Salvador/Bahia waren vielleicht zwei Drittel der Clans davon versammelt. Das fiel am ersten Konferenztag nicht so auf, wegen der ganzen Sicherheitsmaßnahmen um den kolumbianischen Präsident Uribe, der neben Brasiliens Lula die Eröffnungsrede hielt. Draußen im Atlantik kreuzte ein Küstenwachboot, Hubschrauber überflogen das Tagungshotel im Minutentakt, überall schnüffelten auf Dynamit trainierte Suchhunde, berittene Polizei bewachte die Parkplätze und ein ganzes Bataillon an unauffälligen Sonnenbrillenträgern mit ausgebeulten Sakkotaschen lungerten herum. Auf Uribe sind schon ein Dutzend Attentatsversuche in Kolumbien unternommen worden. Sein Vater wurde auf der eigenen Kaffee-Hazienda von der Guerilla ermordet. Am zweiten Tag waren die Politiker, die Presse und die Sicherheit abgezogen und die Kaffeeoligarchie war wieder unt er sich: Entspannt plauderte da der ehemalige Gouverneur von São Paulo mit dem vormaligen Botschafter aus Washington. Der Börsenpräsident trank einen Espresso mit dem größten Reifenhändler Lateinamerikas. Der Besitzer eines der führenden Baukonzerne umarmte schulterschlagend den Verlegersohn aus dem Süden. Alle trugen sie einheitlich helle Hosen und Hemden, zum blauen Sakko, wenn überhaupt, und die obligatorische dicke Uhr Schweizer Provenienz am Arm. Keine Anzüge, keine Krawatten. Viele gebräunte, erhabene Gesichter, weiße Haare, gepflegte Bäuche - Garcia Marquez könnte hier reichlich Material finden. Obwohl hier bestimmt ein Fünftel des brasilianischen BIP versammelt waren, gab es keine Sicherheitskontrollen mehr, die Ausweise wurden lax begutachtet. Warum auch, man war ja unter sich, kennt sich seit Generationen und wird das auch weiter so halten: Die familieneigene Kaffeeplantage ist für viele der Reichen Brasiliens immer noch die Basis ihres Wohlstandes und nicht nur beliebte Folklore. Auch wenn sie ihr Geld heute in der Politik, auf den Finanzmärkten oder gar in der Industrie machen - ihre hochprofitablen Kaffeeplantagen verkaufen sie selten.


Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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