Der Druck, die geteilte Insel zu vereinigen, wächst
Ohne Zypern läuft nichts

Geht es nach UN-Generalsekretär Kofi Annan, werden Stacheldrahtverhaue und Schlagbäume auf Zypern bald verschwinden. Vor vier Wochen legte er seinen Plan zur Wiedervereinigung vor.

NIKOSIA. 350 Schritte sind es von der Schranke am griechisch-zyprischen Kontrollpunkt hinüber zum Checkpoint der türkisch-zyprischen Polizei. Der Weg führt durch die UN-Pufferzone - einen Streifen Land, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Unkraut sprießt aus dem Asphalt des Boulevard Markou Drakou. Links das Hotel Ledra Palace, einst das erste Haus in Nikosia, heute Unterkunft für die Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen, abgesichert mit Sandsäcken und Stacheldrahtverhauen. Einschusslöcher in den Mauern künden von den Kämpfen im Sommer 1974, als die Türkei den Norden Zyperns besetzte, um die befürchtete Annexion der Insel durch die damalige Athener Obristenjunta zu vereiteln.

Geht es nach UN-Generalsekretär Kofi Annan, werden Stacheldrahtverhaue und Schlagbäume bald verschwinden. Vor vier Wochen legte er seinen Plan zur Wiedervereinigung vor. Er sieht zwei Teilstaaten mit weitgehender Autonomie für beide Volksgruppen und eine gemeinsame Zentralregierung vor, die Zypern nach außen vertreten soll. Seit 28 Jahren scheiterten alle Anläufe, die Inselteilung zu überwinden. Jetzt soll alles ganz schnell gehen. Am Dienstag präsentierte Annan nach Konsultationen mit den Führern beider Volksgruppen, dem Inselgriechen Glafkos Klerides und dem Zyperntürken Rauf Denktasch, eine überarbeitete Fassung seines Papiers. Bis zum EU-Gipfel sollen sich beide Seiten verbindlich erklären. Stimmen sie dem Plan zu, könnte der Europäische Rat in Kopenhagen die Aufnahme eines geeinten Zyperns beschließen.

Vor allem die türkischen Zyprer müssten daran interessiert sein. In ihrem Teil der Insel liegt das statistische Pro-Kopf-Einkommen mit 2 500 Euro im Jahr nur bei einem Drittel dessen, was im griechischen Süden erwirtschaftet wird. Tausende demonstrierten folglich vergangene Woche in Nordzypern für die Annahme des Annan-Plans. Der starke Mann Nordzyperns, der türkische Volksgruppenchef Rauf Denktasch, sträubt sich dennoch. Er verlangt die völkerrechtliche Anerkennung seines Sezessionsstaates.

Die griechisch-zyprische Regierung im Süden der Insel dagegen scheint bereit, den Annan-Plan zu akzeptieren. Er sei eine "gute Grundlage", meint Außenminister Jannakis Kassoulides im Gespräch mit dem Handelsblatt. Allerdings glauben das längst nicht alle griechischen Zyprer. Fast 60 Prozent, so eine Meinungsumfrage, sind gegen den Plan. Aus Sicht vieler Inselgriechen legalisiert er letztlich die Teilung. Problematisch ist dieses Umfrageergebnis, weil die beiden Volksgruppen den Einigungsvorschlag in einer Volksabstimmung absegnen sollen. Doch UN-Generalsekretär Annan hat bereits vorgesorgt. Mit der Zustimmung zu seinem Plan sollen die Zyprer zugleich auch über den EU-Beitritt abstimmen. Alles oder nichts: Wer den UN-Lösungsvorschlag ablehnt, sagt damit auch Nein zur Aufnahme in die EU.

Ob mit Lösung oder ohne, die griechische Regierung besteht darauf, dass Zypern in Kopenhagen in die EU aufgenommen wird, zur Not nur der griechische Teil. Versuche, den Beitritt der Insel unter Hinweis auf die laufenden Einigungsgespräche zu vertagen, will Griechenland in Kopenhagen notfalls mit einem Veto vereiteln. "Ohne Zypern", stellt der Athener Außenminister Jorgos Papandreou klar, "gibt es keine EU-Erweiterung."

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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