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Der edelste aller Ticks

Eleganter wurde die Uhrzeit selten angezeigt. Aus der Westentasche baumelt eine Goldkette, an deren Ende ein 18-Karat-Gold-Etui. Zwei Zeiger aus blauem Stahl teilen das milchig-weiße Zifferblatt. Die eine zeigt in Richtung eines äußeren Ringes kleiner, schwarzer Punkte, die für die Minuten stehen. Die andere weist in Richtung römischer Zahlen, den Stunden. Auf einem kleinen Feld auf Höhe der Sechs zeigt ein kleiner Zeiger die Sekunden.

Kein Wunderwerk digitaler Technik. Die Uhr ist mechanisch: Das hört man, fühlt man, sieht es. Und sie ist einzigartig. Hergestellt wurde dieser Mahner an die Vergänglichkeit von einer einzigen Person: George Daniels.

Und jedes einzelne Teil dieser Uhr wird durch die Hände des 77-Jährigen geformt, vom Zeiger bis zur Feder. Er selbst hat sich alles Nötige beigebracht: wie man Gold schmilzt und formt; wie man Stahl und Nickel schneidet und verschmelzt; wie man synthetische Rubine schneidet und poliert; ja sogar, wie man Zeiger aus einer grauen Stahlplatte schneidet und sie über einem offenen Feuer "bläut". "Sich dies selbst beizubringen ist besser. Denn wenn man es von jemand anders lernt, imitiert man nur dessen Kunst", glaubt Daniels. Für eine Uhr, die schlicht die Zeit anzeigt benötigt er ein paar Hundert Teile, kommen Datum und Mondphase hinzu, werden es Tausende.

"Als ich mit dem Uhrenmachen begann, hatte ich das Gefühl, dass sich dieses Handwerk seit Jahrhunderten nicht verändert hatte und dringend modernisiert werden musste", erklärt er. Mit 14 brach er die Schule ab, ging in London von Tür zu Tür, um Fahrräder und Uhren zu reparieren. 1947 eröffnete er einen kleinen Uhrenladen. 1969 schließlich begab er sich auf eine Mission: Die Ankunft der Digitaluhr ließ manche spekulieren, ob nicht das Ende der mechanischen Zeitmesser gekommen ist.

"Die Hemmung, das tickende Herz der Uhr, hatte sich seit dem 18. Jahrhundert nicht verändert. Mein Ziel war es, eine Uhr zu bauen, die Digitaltechnik aussticht." 20 Jahre werkelte er an seiner Daniels Coaxial-Hemmung. Sie vermindert die Reibung zwischen den Teilen des Uhrwerks - und sorgt so für Genauigkeit. Die Industrie war begeistert: Omega produzierte Tausende Uhren mit der Daniels-Entwicklung.

Der dagegen baut weiter seine eigenen Uhren. Oder besser: seine eigene Uhr. Nur ein Exemplar pro Jahr verlässt seinen Altersruhesitz auf der Isle of Man. Wer sich solch ein Zeit-Zeugnis gönnen will, braucht viel Zeit und viel Geld. Davon können die Hunderte von Uhren-Liebhabern klagen, die auf der Warteliste von George Daniels stehen: Jahrelang müssen sie sich gedulden - und das bei Preisen von rund 200 000 Euro pro Stück. Auf Bestellung passiert bei ihm nichts, er selbst wählt aus, wem er seine Werke übergibt: "Ich habe noch nie eine Uhr für eine bestimmte Person gemacht. Ich fertige Uhren, um meine Ideen umzusetzen. Wenn ich zufrieden mit ihr bin und glaube, alles gelernt zu haben, was ich von ihr lernen konnte - dann gibt es auch immer einen Käufer."

Auch in der Schweiz geht jemand gegen den Zeit-Geist der großen Marken an. Philippe Dufour, 54, wuchs im Uhrental auf, dem Valee de Joux. Die Schönheit tickender Meisterstücke aus dem 18. und 19 Jahrhundert lockte er aus defekten Uhren als freier Uhrmachermeister wieder hervor - das brachte ihn auf den Geschmack. 1992 seine Premiere: Die "Grande et Petit Sonnerie" brachte ihm die Goldmedaille der Baseler Uhrenmesse - eine der höchsten Auszeichnungen der Branche. Jede Viertelstunde ertönt eine Glocke aus dem Platin-Gehäuse, auf Knopfdruck sogar jede Minute. Rund eine halbe Million Euro kostet dieser Little Big Ben am Armgelenk.

"Ich mache, was ich will, auf die Art, die ich will", sagt Dufour. Auf 25 Exemplare sind seine Kleinserien limitiert, mehr als 20 kann er jährlich nicht fertigen. Das Innere der Uhren ist jeweils gleich, doch der Kunde bestimmt den Stil des Zifferblattes, die Gehäusegröße und das Material. Preis: von 40 000 bis 56 000 Euro. Gerade die Individualität liebt der Schweizer: "Ich möchte, dass meine Kunden mich besuchen und mit mir reden. Wenn ich mit einer Uhr beginne, weiß ich gern, für wen ich sie mache. Diese Beziehung zwischen einer Uhr und ihrem Träger ist unglaublich aufregend."

Ein anderer Künstler der Zeitmessung ist der Däne Svend Andersen. Der 60-Jährige lebt seit 1963 in der Schweiz. Er arbeitete für Patek Philippe, bevor er sich 1979 selbstständig machte. Seine Motivation: "Ich mag es, Dinge zu tun, die andere nicht schaffen." "Uhrenmacher des Unmöglichen", nennt ihn die Szene, seit er 1969 eine "Uhr in der Flasche" präsentierte: Andersen hatte einen Zeitmesser komplett in der Flasche gebaut. Ins "Guiness Buch der Rekorde" schaffte er es 1989, als er die kleinste Uhr der Welt mit Kalender schuf, und 1992 mit der ersten Armbanduhr mit ewigem Kalender. Kostet übrigens 35 000 Euro.

Ebenfalls ungewöhnlich: erotische Automatone. Dies sind menschliche Figuren auf der Rückseite der Uhren, die sich durch die Mechanik des Werkes im Rhythmus bewegen - und bei Andersen sind dies kopulierende Paare. "Wir könnten auch nicht-erotische Automatone machen - aber bisher hat uns niemand danach gefragt", sagt Andersen. Bis zu 162 000 Euro kostet der Spaß am versteckten Sex. Doch warum sollte jemand so viel Geld für eine Uhr ausgeben? Daniels sieht es ganz schlicht: "Uhren haben historische, intellektuelle, technische, ästhetische und nützliche Qualitäten. Ganz schön viel für eine kleine Maschine, oder?"

Quelle: Handelsblatt

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