Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von BMW wird neuer Chef des VW-Konzerns
Bernd Pischetsrieder: Die Sphinx von Wolfsburg

Der frühere BMW-Chef hat nach seinem Wechsel zu VW alles richtig gemacht. Er hat zu Gerüchten, 2002 Ferdinand Piëch abzulösen, beharrlich geschwiegen. Das zahlt sich jetzt aus.

Bernd Pischetsrieder ist ein geduldiger Mann. Diese menschliche Stärke hat ihm in seiner Zeit als BMW-Chef gelegentlich den Vorwurf der Schwäche eingetragen, am Ende wurde sie ihm gar zum Verhängnis - übermäßige Geduld mit der Not leidenden britischen BMW-Tochter Rover kostete ihn im Februar 1999 den Job.

Sollte Pischetsrieder je mit seinem Naturell gehadert haben, dürfte er jetzt versöhnt sein, denn nicht zuletzt der Geduld verdankt er sein Comeback. Seit vor knapp zwei Jahren sein Wechsel in den Vorstand des VW-Konzerns bekannt wurde , hat der heute 53-Jährige eine Prüfung hinter sich, an der sein Chef Ferdinand Piëch wohl gescheitert wäre: Pischetsrieder hatte sich still zu verhalten.

Stars und Sternchen sind bei dem Wolfsburger Autobauer nicht sehr gelitten. Dort strahlt nur Piëch, und der gab früh die Devise aus, dass jeder schon verloren habe, der sich als sein Nachfolger ins Gespräch bringe.

Also wurde Pischetsrieder zur Sphinx: viel fotografiert, viel besprochen und selbst möglichst schweigend. Zur Qualität, seinem Vorstandsressort im VW-Konzern, hat er sich geäußert und festgestellt, dass sie sehr wichtig und allzeit anzustreben sei. Über die spanische Tochter Seat, wo sein zweiter Chefsessel steht, hat er gesagt, dass es mit dem Image hapere. All das hat niemanden wirklich überrascht, aber das durfte es ja auch nicht. Im Management übte man Nachsicht. Dem Mann bleibe eben nichts anderes übrig, heißt es.

Der Rover-Fehler als Empfehlung

So weiß im Konzern bisher kaum jemand, wofür der künftige Chef steht. Ferdinand Piëch, der ihn geholt hat, trug bisher wenig zur Erhellung bei. Sein stärkstes Argument für Pischetsrieder ist dessen Fehler mit Rover. So etwas passiere einem intelligenten Menschen nur einmal, und da sei es doch schön, wenn es die Konkurrenz getroffen hat. Doch der Fehler schmückt den Nachfolger ebenso wenig wie die Entschuldigung, die Piëch dafür im kleinen Kreis lieferte. Eine Mannschaft folge immer dem Etablierten, sagte Piëch einmal. Und das sei bei BMW nicht Pischetsrieder, sondern der Aufsichtsratsvorsitzende Eberhard v. Kuenheim gewesen. Piëch verschwieg, dass er selbst bald ein sehr "etablierter" Aufsichtsratschef bei VW sein wird.

Es ist deshalb höchste Zeit, Pischetsrieder die Fesseln abzunehmen. Wohl deshalb soll er nicht, wie angekündigt, im November, sondern bereits in der Aufsichtsratssitzung an diesem Freitag als künftiger Vorstandsvorsitzender ausgerufen werden. Bis zur Amtsübernahme, vermutlich nach der Hauptversammlung im April 2002, hat er dann noch genug Gelegenheit, die Mannschaft von sich zu überzeugen.

Eine zwingende Voraussetzung erfüllt er bereits. Der Bayer ist kein kühler Technokrat, sondern eingefleischter Auto-Fan. Bei der Konzerntochter Bugatti erwartet man den neuen Chef mit Freuden, denn er hat intern bereits gelobt, das umstrittene Luxusprojekt weiterzuführen. Dass er einst einen sündteuren McLaren-BMW-Sportwagen zu Schrott fuhr, zeichnet Pischetsrieder in diesen Kreisen eher aus.

Piech und Pischetsrieder galten lange als Gegner

Es zeugt zumindest von jenem Kämpferherzen, das Kritiker oft anzweifeln. Mit der sonoren Stimme, der langen Zigarre und dem gehegten König-Ludwig-Bärtchen strahlt Pischetsrieder eine Gemütlichkeit aus, an die man bei VW nach neun Jahren Piëch nicht mehr gewöhnt ist.

Vielleicht hat er Piëch für sich eingenommen, als er ihn selbst mit dieser Gemütlichkeit täuschte. Der VW-Lenker und der BMW-Chef galten als Gegner. Sie kämpften erbittert um die Rechte an den Luxusmarken Rolls-Royce und Bentley, und Piëch konnte sich Tritte unter dem Tisch nicht verkneifen. Immer wieder sickerten aus seiner Umgebung Bosheiten und Übernahmegerüchte über BMW durch. Doch Pischetsrieder behielt die Nerven. Am Ende bekam VW die Marke Bentley, BMW ging mit Rolls-Royce und einer Menge Geld nach Hause, und auch wenn Piëch es nie zugeben wird: Pischetsrieder hatte gewonnen.

Dann stellten sich die beiden in London vor eine aufgeregte Journalistenschar und erklärten, das Duell sei vorbei, jeder zufrieden und überhaupt: Man respektiere einander sehr.

Ein paar Stunden, nachdem Pischetsrieder vom Chefsessel bei BMW gerutscht war, telefonierten sie miteinander. Sein Kontrahent, hatte Piëch in London gesagt, sei ein guter Ingenieur.

Vielleicht war das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

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