Der Einfluss von Leerverkäufen auf Aktienkurse wird weithin überschätzt
Die bösen Buben an den Börsen

Für die gigantischen Kursverluste der MLP-Aktie machte der Vorstand Short-Seller und Hedge-Funds verantwortlich. Mit Sicherheit konnten Leerverkäufer sehr gut am Kursverfall der MLP-Titel verdienen und den Abwärtstrend verstärken - als Auslöser kommen sie jedoch nicht in Frage.

FRANKFURT/M. Mit Kursverlusten von teilweise mehr als 30 Prozent sorgte die MLP-Aktie für Aufsehen an der Börse. Schuld daran seien unter anderem Leerverkäufer, beklagte der Vorstand. Leerverkäufer, auch Short-Seller genannt, verkaufen geliehene Aktien. Sie hoffen, dass der Titel sich am Markt verbilligt hat, wenn sie die Aktie wieder an den Gläubiger zurückgeben müssen. Bei hohen Kursverlusten können Short-Seller auf diese Weise stattliche Gewinne machen. Bei steigenden Kursen dagegen zahlen sie drauf.

"Leerverkäufe haben in den vergangenen Jahren auf Grund des generell gestiegenen Handelsvolumens, ausgeweiteter Marktsegmente und einer höheren Verfügbarkeit von verleihbaren Aktien sehr stark zugenommen", sagt Walter Kraushaar von der Interessenvertretung der deutschen Geld- und Devisenhändler (ACI). An den US-Börsen ist die Zahl der Short-Seller so hoch wie seit sechs Jahren nicht mehr. In Trendmärkten wie der momentanen Baisse sind Short-Positionen besonders attraktiv. Trotzdem hat der Leerverkauf unter deutschen Anlegern noch einen negativen Touch.

"Die Ablehnung von Leerverkäufen ist nicht frei von moralischen Vorstellungen", meint Ralf Fischer zu Cramberg, Referent beim Deutschen Aktieninstitut (DIA). Es werde von vielen Marktteilnehmern als ehrenrührig betrachtet, auf fallende Kurse zu setzen und diese Bewegung dadurch eventuell zu verstärken. Harald Petersen, Vorstand der Schutzvereinigung der Kleinaktionäre (SdK), hält das negative Image der Leerverkäufer für übertrieben: "Short-Seller gelten als die bösen Buben an den Börsen, dabei hat diese Strategie eine regulierende Wirkung. Übertriebene Bewertungen werde dadurch korrigiert." Auch ein Börsenmakler aus Frankfurt meint: "Leerverkäufe sollte man nicht per se verdammen, denn sie erhöhen auch die Liquidität und die Bewegung an den Märkten." Seiner Meinung nach könnten Short-Seller den Aktienkurs nur nach unten treiben, wenn sowieso schlechte Nachrichten über das Unternehmen im Spiel seien, das hätte man am Fall MLP deutlich gesehen. "Wenn dann positive Nachrichten folgen, verbessert sich der Kurs wieder - auch das war bei MLP der Fall. Gegen gute Nachrichten kommen Leerverkäufe gar nicht an", fügt der Experte hinzu.

Hedge-Funds wird wegen der Technik der Leerverkäufe oft der Schwarze Peter zugeschoben. Sie würden mit gezielten Aktionen Kursstürze einleiten. "Wenn man bedenkt, dass Hedge-Funds nur zwei Prozent der Börsenkapitalisierung ausmachen, kann man sich ausmalen, wie stark deren Einfluss tatsächlich ist", kritisiert Kraushaar vom ACI diese Vorwürfe. Auf der anderen Seite hätten sich schon institutionelle Verleiher wie Versicherungen und Assetmanager zusammen geschlossen und ihre Leihbestände zurückgenommen, mit dem Ziel, die Aktienkurse zu stabilisieren - ohne Erfolg. "Es gab nur einen kurzfristigen psychologischen Effekt", ergänzt Kraushaar.

"Der Einfluss von Leerverkäufen auf den Kurs kann von Aktie zu Aktie unterschiedlich sein", meint auch Thomas Kastner, Direktor Block Trading bei der Dresdner Bank. "Dies ist signifikant abhängig von dem täglichen Handelsvolumen und von der Größe des Leerverkaufs."

Zudem lösen Short-Seller nur kurzfristige Kursstürze aus, denn nach spätestens zwei Tagen müssen die geliehenen Aktien geliefert werden, und der Anleger muss sich dazu mit diesen Titeln wieder eindecken. "Mir ist kein Fall bekannt, bei dem Kurse durch Leerverkäufe langfristig unten gehalten wurden", sagt Aktionärsschützer Petersen. Denn das Risiko, dass eine Aktie sich rasch erholt, schreckt häufig Leerverkäufer davon ab, wiederholt einzusteigen.

Anders als in den USA, wo Privatanleger das Instrument der Leerverkäufe nutzen wie jedes andere Finanzprodukt, gibt es in Deutschland kaum Angebote für Privatanleger. Harald Petersen von der SdK meint dazu, dass ein aufgeklärter Anleger zu allen Finanzinstrumenten Zugang haben sollte, die auch institutionellen Anlegern zur Verfügung stehen: "Schließlich wird auch niemandem verboten, ins Spielcasino zu gehen."

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