Der einstige starke Mann Jugoslawiens will seinem Land als sozialistischer Parteiführer erhalten bleiben
Milosevic taktiert auch noch am Rande des Abgrunds

dpa BELGRAD/ZAGREB. Der gestürzte jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic ist auch nach seiner Niederlage für Überraschungen gut. Während die Opposition ihn als Flüchtling mit Todesangst versteckt in einem Bunker vermutete und das Ausland Grenzen sperrte und den Liftraum beobachtete, ließ sich Milosevic in korrektem Anzug bei politischen Verhandlungen mit dem russischen Außenminister Igor Iwanow filmen.

Der einstige starke Mann Jugoslawiens will seinem Land als sozialistischer Parteiführer erhalten bleiben, wenn sich die Wirren der oppositionellen Revolte gelegt haben. "Ich habe vor, mich zuerst ein wenig auszuruhen, eine Zeit mit der Familie und meinem Enkel Marko zu verbringen, um dann meine Partei zu stärken und zum gesellschaftlichen Leben Jugoslawiens beizutragen", erklärte Milosevic.

Die Opposition vermutet dahinter eine neue Finte. Zoran Djindjic, einer der serbischen Oppositionsführer, beschuldigt Milosevic, "Chaos und Unruhe" in Serbien stiften zu wollen. Milosevic plane die Polizei neu zu formieren, um hinterrücks mit starker Hand auf die politische Bühne zurückzukehren, warnte Djindjic am Samstagmorgen.

Es würde nicht überraschen, wenn Milosevic auch am Rande des Abgrunds weiter taktiert. Durch sein Pochen auf Verfassungstreue der neuen politischen Kräfte könnte er versuchen, Zeit zu gewinnen und Einfluss und Besitz der "alten Eliten" in die neue Ära zu retten, was sich später als Stolperstein für künftige Reformprojekte in Jugoslawien erweisen könnte.

Milosevic wollte Gold nach China schmuggeln

Schon hat die Opposition Anzeichen, dass unter dem Regime angehäufter Besitz über die Grenzen gebracht wird. In der Nacht zum Samstag soll Milosevic versucht haben, eine Tonne Gold in Richtung Peking außer Landes zu schaffen, wie die regimekritische Wirtschaftsexpertengruppe G17 Plus erklärte. Nach Berechnungen des Belgrader Ökonomen Mladjan Dinkic hat die Milosevic-Familie samt Helfern bereits sechs Mrd. DM im Ausland deponiert, unter anderem in Zypern. Der Inselstaat sperrte inzwischen alle Konten des jugoslawischen Staates.

Der am 20. August 1941 im ostserbischen Pozarevac geborene Jurist, Bankier und kommunistische Funktionär Slobodan Milosevic und seine Ehefrau Mirjana Markovic (58) herrschen seit über einem Jahrzehnt unumschränkt in Serbien. Der Sohn eines orthodoxen Geistlichen und die Tochter aus berühmter kommunistischer Familie gelten außerhalb ihres Machtbereichs als Zerstörer Jugoslawiens.

Während Milosevic als "kalter Macht-Techniker ohne Visionen und Ideale" beschrieben wird, gilt seine Frau als die eigentliche Ideologin, die sich bedingungsloser Ergebenheit ihres Mannes erfreut. "Der Präsident ist die Geisel seiner Frau", schrieben kritische Zeitungen in Belgrad.

Sohn Marko (26) ist für die Opposition Sinnbild der neureichen korrupten Elite des Landes. Er nennt ein Wirtschaftsimperium sein eigen, das für mafiöse Geschäfte verantwortlich gemacht wird. So war auch seine exklusive Parfümerie "Skandal" erstes Ziel von Plünderern, die die Luxusgüter an Frauen auf der Straße verschenkten. Tochter Marija (35) besaß zudem in Belgrad einen Fernsender.

Immer wieder ist es Milosevic gelungen, Hass und Gewalt zu kanalisieren und für seine nationalistische Politik zu nutzen. Jetzt wendet sich die Frustration gegen ihn selbst und seine Institutionen. In der Nacht zum Samstag brannte der Sitz seiner Sozialistischen Partei (SPS) in Belgrad. Während Feuerwehrleute die Flammen bekämpften, stimmten junge Männer einen Sprechchor an: "Brennen, brennen, es soll brennen."

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