Der elektronische Energiehandel kommt voran
Stromkauf per PC

An Strombörsen und auf Handelsplattformen kauft der Leipziger Händler Kom-Strom für Stadtwerke Strom ein. Minimales Risiko ist das oberste Gebot.

DÜSSELDORF. Morgens um acht Uhr fährt Uwe Winster seine Computer hoch. Der Reihe nach loggt der Stromhändler der Kom-Strom AG Leipzig sich in die Online-Handelssysteme der Strombörse EEX in der Mainmetropole Frankfurt und zweier Stromhändler ein. Aus dem eigenen System holt er sich Tabellen mit dem aktuellen Strom-Portfolio der vertraglich erfassten Kom-Strom-Kunden auf den Bildschirm: Das sind vor allem Stadtwerke, die ihren Strombezug und-verkauf von dem Leipziger Stromhandels-Unternehmen abwickeln lassen.

Eigentlich könnte Winster das Börsengeschehen an diesem Tag Anfang Mai ganz entspannt verfolgen. "Für morgen sind wir long", sagt er in bestem Börsendeutsch. Das heißt, Kom-Strom hat sich sicherheitshalber für den Folgetag am Terminmarkt mit mehr Strom eingedeckt, als das Portfolio benötigt. Jetzt geht es darum, den überschüssigen Strom zu möglichst hohen Preisen zu verkaufen und die eine oder andere Chance für ein schnelles Geschäft zwischen den Plattformen zu nutzen.

Im EEX-System erscheinen die ersten Angebote. Die hohen Preise von 32 Euro pro Megawattstunde (MWh) Spitzenlast nimmt Winster nicht sonderlich ernst: "Heute scheint mehr Angebot als Nachfrage im Markt zu sein." Er entschließt sich zu warten und kauft schließlich für 26,9 Euro/MWh einen Spitzenlastkontrakt. Kurze Zeit später könnte er den Posten schon wieder mit einem kleinen Gewinn auf einer Händlerplattform weiterverkaufen.

Später drehen die Preise hier wieder unter das EEX-Niveau. Weil nicht alle Marktteilnehmer einen Zugang zu allen wichtigen Systemen haben, bilden sich zur gleichen Zeit unterschiedliche Preise, die ein Stromhändler für kleine Geschäfte nutzen kann. Im Laufe des Vormittags klappt das bei Winster und seiner Kollegin Cornelia Luserke einige Male.

Der lukrative Eigenhandel hilft dabei, die Anlaufverluste des 1998 gestarteten kommunalen Stromhändlers zu begrenzen. Seine eigentliche Aufgabe ist es, den an Kom-Strom beteiligten und anderen interessierten Stadtwerken den Zugang zum Stromhandel zu ermöglichen. "Wir wollen den Unternehmen die gleichen Instrumente zur Verfügung stellen, die große Konzerne wie Eon oder RWE haben", erklärt Kom-Strom-Vorstand Hermann Schmeink.

Ohne eine eigene große Handelsabteilung aufzubauen, könnten die Stadtwerke sich so zu wettbewerbsfähigen Preisen mit Strom eindecken und damit ihre Unabhängigkeit sichern. Mit 13 Aktionären hat Kom-Strom zurzeit ein Handelsvolumen von 3,8 Terawattstunden (TWh) unter Vertrag. Bis zum Jahresende rechnet Schmeink mit 6 TWh und für das nächste Jahr mit schwarzen Zahlen. Der Handel an den Strombörsen macht dabei nur etwa zehn Prozent des Geschäftes aus. Der überwiegende Teil läuft im so genannten OTC-Handel ("Over The Counter") zwischen den Stromversorgern und-händlern.

Inzwischen setzt Kom-Strom bei Strom-Knappheit auch schon die Kraftwerksreserven von drei Stadtwerken ein, die den Strom dann zu lohnenden Preisen verkaufen können. Für Preisausschläge sorgen vor allem Kraftwerksausfälle, die das Stromangebot verknappen. Da es in Deutschland anders als beipielsweise in Norwegen keine Ad-hoc-Meldepflicht für solche Fälle gibt, haben die Stromhändler der Kraftwerks-Besitzer dann einen komfortablen Vorsprung: Sie können sich bereits mit günstigen Strommengen eindecken, während der Markt noch über die Ursache der steigenden Preise rätselt.

Mehr und mehr sorgen aber auch ausländische Handelsteilnehmer für Bewegung auf dem deutschen Strommarkt. "Am vergangenen Handelstag haben sich Schweizer und Österreicher an den deutschen Strombörsen eingedeckt und damit einen Preisanstieg verursacht", vermutet Uwe Winster. Über den Preistrend des Tages liefert die erste Auktion an der EEX für einzelne Stromstunden des Folgetages um 10.30 Uhr noch keine klaren Signale. Darüber entscheidet erst die tägliche 12.00-Uhr-Auktion an der Leipziger Strombörse LPX, die bei Kom-Strom wegen ihrer Transparenz geschätzt wird. Mit Preisen zwischen 21 und 25 Euro zeigt sie dann, dass sich der Trend tatsächlich gedreht hat.

Für Spannung haben Börsenpreise an diesem Tag auch bei den Stromhändlern der Stadtwerke Leipzig gesorgt. Der Versorger ist an Kom-Strom beteiligt, hat aber dennoch eine eigene Handelsabteilung mit vier Mitarbeitern aufgebaut. "Ein bisschen mehr als Fingerübungen", beschreibt Prokurist Peter Linzel die Aktivitäten im OTC-Handel und an der LPX. "Wenn wir könnten, würden wir gern mehr machen." Da der ostdeutsche Netzbetreiber Veag nach wie vor die Braunkohle-Schutzklausel nutzt, um die Durchleitung von Strom abzulehnen, können die Leipziger nur außerhalb des Veag-Netzgebietes handeln.

Mit einer Sondergenehmigung des Netzbetreibers dürfen die Leipziger immerhin freie Mengen aus ihrem Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk außerhalb Ostdeutschlands exportieren.

Linzel beneidet die Kollegen in den alten Bundesländern, die ihren zusätzlichen Strombedarf wegen des schlechten April-Wetters an der Börse decken konnten. "Unser Ziel ist es, günstigen Strom nach Leipzig zu bekommen", so Linzel. "Was wir jetzt im Handel machen, ist eine Vorbereitung darauf, wenn das Veag-Monopol fällt." Von einer Optimierung der jährlich 300 Mill. DM Energiebezugskosten verspricht sich Linzel erhebliche wirtschaftliche Effekte.

Stefan Schroeter
Stefan Schroeter
freier Mitarbeiter / Wirtschaftsjournalist
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