Der erneute Zahlungsausfall Argentiniens lässt die internationalen Finanzmärkte kalt – Risikoprämien der Nachbarländer stagnieren jedoch
Lateinamerika-Bonds bleiben riskant

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert - frei nach diesem Motto hat Argentinien in der vergangenen Woche die Rückzahlung eines Weltbankkredites eingestellt. Doch nicht jeder Staat in der Region steht vor dem finanziellen Ruin, dennoch sind auch die Anleihen solventer Staaten nur etwas für hartgesottene Anleger.

Argentiniens Zahlungsausfall gegenüber der Weltbank hinterließ Ende vergangener Woche fast keine Spuren auf den Finanzmärkten. Mit Ausnahme von Venezuela konnten die Anleihen aller Länder aus dieser Region ihre Risikoaufschläge gegenüber erstklassigen Staatspapieren verringern. Kurios daran: Selbst bei argentinischen Bonds gingen die Risikoprämien am Donnerstag und Freitag noch leicht zurück.

Für Marktbeobachter bedeutet dies zweierlei: Zu einen, dass Argentinien als Krisenherd der Region ausgedient hat. Zum anderen betrachten Investoren das Land als endgültig abgekoppelt von den restlichen Ländern in Lateinamerika. "Die Regierung mag durch den Default ein bisschen an Ansehen verlieren, aber wir haben Zweifel, ob es noch viel Ansehen zu verlieren gibt", kommentiert Michael Gavin von UBS Warburg die möglichen Konsequenzen aus der jüngsten Entwicklung.

Das völlige Ausbleiben einer Reaktion selbst bei den Argentinien-Anleihen ist gleichzeitig aber auch mit Rätselraten verbunden. Denn noch verhandelt die argentinische Regierung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Minimalkredit und dessen Schicksal ist nunmehr völlig ungewiss. "Wir haben diese Woche weitere Fortschritte gemacht", erklärte überraschend versöhnlich IWF-Vizedirektorin Anne Krüger, nachdem Argentinien die Einstellung der Zahlungen an die Weltbank verkündet hatte. Man werde außerdem dem IWF-Direktorium die Stundung der demnächst fälligen Kredite Argentiniens an den IWF empfehlen, so Krüger.

Größere Gelassenheit bei den Investoren scheint auch wieder in Bezug auf Brasilien einzukehren - zumindest vorläufig. Zwar stagnieren die Zinsaufschläge gegenüber staatlichen Schuldnern mit einwandfreier Bonität auf dem immer noch hohen Niveau von über 1 700 Basispunkten, nachdem sich der Abstand unmittelbar nach der Präsidentschaftswahl und dem Sieg von Lula da Silva abgebaut hatte. Doch die Schwankungsintensität lässt stark nach. "Wir denken, dass sich die abnehmende Volatilität in den kommenden Wochen fortsetzten wird. Im Dezember oder Januar könnte dann sogar eine erneute Erholung einsetzten", meint ABN-Amro Analyst Arturo Porzecanski. "Derzeit sind die Investoren sind auf dem Warteposten, bis Lula ein marktfreundliches Wirtschaftsteam benennt." Fazit: In Brasilien gehen spekulativ orientierte Zinsanleger erste Positionen ein.

Zum Überraschungskandidat im positiven Sinne könnte in der derzeit gedrückten Stimmung Kolumbien werden. Die Aussichten des Landes bewerten eine Reihe von Analysten positiv. "Kolumbiens Anleihen haben sich in letzter Zeit gut entwickelt und wir denken, dass dies anhalten kann", kommentiert ABN-Amro. Wenn die ehrgeizigen Reformgesetze von Präsident Alvaro Uribe wie derzeit erwartet durch den Kongress gehen, dürften Standard&Poor?s und Moody?s ihren negativen Ausblick aufheben, meint Porzecanski. "Kolumbien sollte auch profitieren, wenn wir mit unseren moderat optimistischen Schätzungen für Brasilien Recht behalten, denn die Schuldtitel der beiden Länder korrelieren stark miteinander", meint Michael Gavin von UBS Warburg.

Skeptisch sehen die Marktbeobachter dagegen die Entwicklung in Ecuador, was sich in Renditeaufschlägen von über 1 800 Basispunkten zeigt. Ende dieser Woche wird in Ecuador ein neuer Präsident gewählt - und dem steht keine leichte Aufgabe bevor, so Gavin: "Er wird wählen müssen zwischen der Umsetzung unpopulärer Maßnahmen, um den Schuldendienst auf die international begebenen Anleihen zu leisten, oder dem Zahlungsausfall. Die bisherigen Wahlergebnisse haben die Wahrscheinlichkeit, das Letzteres eintritt, stark wachsen lassen." Im ersten Wahlgang gewann mit großem Abstand Lucio Gutierrez, der 2000 einen Putsch gegen die Regierung anführte. Doch er wird ebenso wenig wie sein Widersacher Alvaro Noboa über eine Mehrheit im Kongress verfügen. Gutierrez bemüht sich allerdings ähnlich wie sein Lula da Silva in Brasilien darum, die Märkte zu beruhigen. Er verspricht die Erfüllung der Schuldendienste und will die Dollarbindung beibehalten, die Ecuador vor wenigen Jahren einführte. Doch "die wirtschaftliche und politische Situation ist extrem schwierig, egal für welchen Kandidaten", so Gavin.

Trostlos sieht es auch in Venezuela aus. Die Ankündigung der Nationalversammlung, einen Plan zur Umschuldung lokaler Staatsschulden in längerfristige Titel zu unterstützen, hat an der labilen politischen Situation nichts geändert. Die Skepsis der Anleger bleibt daher groß.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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