Der Euro wird zum Symbol für Reformfähigkeit
Neuer Schwung für Europa

Mit der Ausgabe der Münzen und Scheine beginnt die größte Bewährungsprobe für den Euro: Er soll den Wettbewerb fördern, Reformen vorantreiben und dem europäischen Gedanken neues Vertrauen verschaffen.

DÜSSELDORF/BRÜSSEL. Schon der logistische Aufwand, der zur Einführung der Euro-Scheine und-Münzen nötig war, verleiht dem morgigen Tag eine historische Dimension. Sollte alles eintreffen, was Europas Spitzenpolitiker mit dem eigentlichen Startschuss für das neue Geld verbinden, dann könnte der 1. Januar 2002 auch in politischer und ökonomischer Hinsicht den Beginn einer neuen Zeitrechnung markieren.

Die Kennzeichen dieser Zeitrechnung: eine neue Qualität politischen und gesellschaftlichen Zusammenhalts zwischen den europäischen Staaten, außerdem mehr Wohlstand und mehr Prosperität. Mit dem Euro eröffnet sich die Aussicht auf einen intensiveren Wettbewerb nicht nur zwischen Unternehmen, sondern auch zwischen politischen Systemen und Lösungsansätzen.

"Mit dem Euro beginnt für die Regierungen der zwölf Euro-Staaten eine neue Ära", erwartet EU-Wirtschaftskommissar Pedro Solbes. Die Einheitswährung werde einen starken Reformdruck erzeugen: Sie werde strukturelle Schwächen jeder einzelnen Volkswirtschaft gnadenlos sichtbar machen. Notwendige Reformen auf den Arbeitsmärkten, bei den Sozialversicherungen oder in der Altersversorgung könnten daher nicht länger warten, sagte Solbes dem Handelsblatt.

Der Befund, der Hoffnung und Mahnung verbindet, wird von Bundeskanzler Gerhard Schröder geteilt: Das neue Geld werde "Transparenz und Wettbewerb auf dem europäischen Binnenmarkt" weiter stärken. Was der Politik wie der Wirtschaft neuen Mut zur Flexibilität abverlangen könnte, wertet der sozialdemokratische Kanzler als Erfolg versprechendes Wagnis: "Dadurch eröffnen sich gerade der exportstarken deutschen Wirtschaft zusätzliche Chancen für mehr Wachstum und Beschäftigung, die es zu nutzen gilt", urteilt Schröder in einem Beitrag für das Handelsblatt.

Finanzminister Hans Eichel (SPD) geht noch weiter: "Die Entwicklung zu einem europäischen Wirtschafts- und Währungsraum ist ein Wohlfahrtsprogramm." Europa habe damit im weltweiten Wettbewerb weit größere Chancen. Schon jetzt sei der Euro "ein Erfolg für uns alle".

Formal ist die Ausgabe des neuen Geldes nur der vorläufige Schlusspunkt beim Schmieden der Wirtschafts- und Währungsunion. Die Wechselkurse zwischen den elf Teilnehmerwährungen sind seit drei Jahren fixiert, im grenzüberschreitenden Handel und an der Börse ist der Euro längst Realität. Insofern ist die Bargeldeinführung weniger von ökonomischer als von praktischer und symbolischer Bedeutung. Da das ebenso beargwöhnte wie ersehnte neue Geld nun für alle 300 Millionen Bürger der Euro-Zone zur realen Größe wird, ist diese Bedeutung aber kaum zu unterschätzen. "Dies lässt die europäische Integration für die Bürger noch greifbarer werden", betont Kanzler Schröder.

Auf die Konjunktur in Europa wirke sich der Euro bereits heute günstig aus, gibt sich EU-Kommissar Solbes überzeugt: "Anders als die USA und Japan ist Europa nicht in die Rezession gestürzt, und das haben wir im Wesentlichen der Einheitswährung zu verdanken." Im Jahr 2001 sei die europäische Wirtschaft schweren externen Schocks ausgesetzt gewesen, darunter eine vorübergehende Verdreifachung des Ölpreises, eine starke Dollar-Aufwertung und die Terroranschläge vom 11. September. "Diese Schocks hätte Europa viel schlechter verkraftet, wenn es den Euro nicht gegeben hätte", sagte er. Die Bargeld-Einführung könne den neuen großen Währungsraum zusätzlich stabilisieren.

Solbes hält es für wichtig, dass die Finanzminister der zwölf Euro-Staaten ihre Zusammenarbeit in der so genannten Euro-Gruppe verstärken. Sie sollten ihre wirtschaftspolitischen Reformvorhaben diskutieren, aber auch die Meinung ihrer EU-Amtskollegen aus den Ländern berücksichtigen, die nicht der Währungsunion angehören. Eine offizielle Wirtschaftsregierung für Euro- Land solle es auch künftig nicht geben. "Alle formalen Beschlüsse müssen weiter im Ecofin-Rat der 15 EU-Finanzminister fallen", unterstreicht der Kommissar.

Wie sehr sich das europäische Gefüge durch die Einheitswährung tatsächlich verschiebt, wird erst der praktische Umgang damit klären. Die Frage nach dem geeigneten Verhältnis zwischen konkurrierenden politischen Ebenen und Institutionen ist indes auch für Deutschland hochaktuell. Der Bundeskanzler hat den Umbau der heutigen föderalen Ordnung, die oft mit Ineffizienz und Reformstau in Verbindung gebracht wird, als zentrale Aufgabe der nahen Zukunft identifiziert. Schröder: "Ziel ist eine Entflechtung und Neuordnung politischer Verantwortlichkeiten zwischen den föderalen Ebenen, die zu mehr Effizienz und Transparenz führen."

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