Der Ex-Automanager wird Linde-Chef
Wolfgang Reitzle: Kronprinz sorgt für Unruhe

Wolfgang Reitzle hat zwar noch nicht auf dem Chefsessel bei Linde Platz genommen. Doch schon soll dieser Posten wackeln. Reitzles neuer Job wird alles andere als einfach.

WIESBADEN. In aller Stille sollte er stattfinden - der Stabwechsel an der Spitze des Gase-, Anlagenbau-, und Stapler-Spezialisten Linde AG. Doch das wird kaum noch gelingen. Seit seinem Eintritt in den Linde-Vorstand in diesem Mai steht der designierte Vorstandschef Wolfgang Reitzle unter Beobachtung. Jeder Schritt, jedes Wort des stets elegant gekleideten Managers mit dem Errol-Flynn-Bart wird analysiert, zuweilen auch überinterpretiert. Schon kursieren Gerüchte über Streitigkeiten mit Vorstandskollegen und Aufsichtsrat. Noch bevor Reitzle im Januar den 66-jährigen Gerhard Full ablösen wird, soll sein Chefsessel bereits wackeln.

Insider sehen darin lediglich "sehr überspitzte" Spekulationen. Natürlich gebe es zu einzelnen Themen unterschiedliche Auffassungen in Vorstand und Aufsichtsrat. "Das ist normal, mit Sicherheit aber kein existenzbedrohender Zoff", erklärt ein Manager. Dennoch: Die Rolle des Kronprinzen ist bei Linde gefährlich. Im Mai vergangenen Jahres scheiterte bereits der ehemalige VDO-Chef Peter Grafoner.

Dafür ist in erster Linie Aufsichtsratschef Hans Meinhardt verantwortlich. 27 Jahre managte der heute 71-Jährige den Mischkonzern, davon 17 Jahre als Vorstandschef. Wie ein Patriarch lenkte Meinhardt das Unternehmen - ein Führungsstil, den er bis heute beibehalten hat. "Der geschäftsführende Aufsichtsrat ist für alle Vorstände schwierig, nicht nur für Reitzle", beschreibt ein hoher Linde-Manager die besondere Lage.

Reitzle selbst gibt sich auffällig bedeckt. "Er hält sich vornehm zurück und wird dem Unternehmen erst dann seine Handschrift aufdrücken, wenn er offiziell im Amt ist", heißt es in seinem Umfeld. Auch am heutigen Donnerstag, wenn der Vorstand Quartalszahlen präsentiert, wird Full das Wort führen. Reitzle mache nicht den Fehler wie Grafoner, der "bereits vor der ersten Kurve rausgeflogen ist, weil er zu heftig wirbelte", sagt ein Linde-Manager.

Zunächst ohne klare Aufgabe tourte Reitzle, der mit der TV-Moderatorin Nina Ruge verheiratet ist, in den ersten Wochen durch die Werke des Traditionskonzerns, machte sich vertraut mit seinem neuen Reich. Später übernimmt der als snobistisch geltende 53-jährige Manager und Buchautor ("Luxusprodukte sind der Schrittmacher der Volkswirtschaft") die strategische Unternehmensentwicklung, die Technik und die Organisation.

Doch Schweigen ist Reitzles Ding auch nicht. "Natürlich hält er viele Ideen noch zurück. Aber er redet mit, etwa wenn es um die strategische Ausrichtung geht", berichtet ein Insider. Aber sein Spielraum ist begrenzt. Linde ist durch die Übernahme des schwedischen Gasspezialisten AGA hoch verschuldet.

Also sind es die alltäglichen Dinge, die Reitzle vorläufig beschäftigen, wie das Sorgenkind Staplerbau. "Dort ist er bereits aktiv, davon versteht er am meisten", heißt es in Wiesbaden. Dass er damit bei Hans-Peter Schmohl, dem für die Sparte zuständigen Vorstand, nicht auf große Begeisterung trifft, ist nahe liegend. "Doch man sollte aus einer Mücke keinen Elefanten machen", kontert ein Manager die Gerüchte über das Kompetenzgerangel der beiden.

Die Mitarbeiter jedenfalls hoffen, dass der neue Mann dem konservativ geleiteten Konzern neue Impulse etwa bei der Personalführung geben wird. So will Reitzle im kommenden Frühjahr eine Initiative starten, um die interne Kommunikation zu verbessern. "Ab Januar wird hier ein frischer Wind wehen, was den Führungsstil angeht", ist sich ein Mitarbeiter sicher.

Wie viele andere im "Headoffice" geht auch er davon aus, dass der Neue seinen Job antreten wird - ungeachtet der Gerüchte über den Zwist mit Aufsichtsratschef Meinhardt. Schließlich habe er Reitzle, der bei Ford mit seinen großen Visionen scheiterte, selbst geholt. Beide kennen sich seit 17 Jahren. Meinhardt saß im BMW-Aufsichtsrat, als Reitzle dort zweiter Mann hinter Bernd Pischetsrieder war. Ein Manager hat das Hauptargument: "Wenn nach Grafoner auch Reitzle scheitern sollte, kann der Aufsichtsratschef gleich mitgehen. Und das weiß dieser auch."

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VITA

Geboren am 7. März 1949 in Neu-Ulm/Bayern, macht Wolfgang Reitzle seinen Abschluss als Ingenieur an der Technischen Universität München und promoviert. Mit 28 Jahren beginnt er bei BMW. Schnell steigt er beim Münchener Autokonzern nach oben. Reitzle wird 1987 Entwicklungsvorstand. 1999 wird er Chef der Ford-Luxussparte PAG (Premier Automotive Group). Im Mai dieses Jahres wechselt er in den Vorstand von Linde.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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