Der Fall Babcock
Kommentar: Zeit der ökonomisch Untoten geht zu Ende

Es ist Zeit zum Abschiednehmen. Babcock Borsig und Fairchild-Dornier, Maxhütte, Holzmann, Schneider Technologies: Die Namen sind Programm. Die über die Jahre künstlich am Leben erhaltenen Kreaturen sind am Ende. Und das ist gut so, mag das auch zynisch klingen in Zeiten der rekordverdächtigen Pleitenspringflut.

Der letzte großindustrielle Arbeitgeber verschwindet

Natürlich trifft es die Schwächsten immer am stärksten, diejenigen, die gestern noch Aktive waren und heute schon Arbeitslose sind. Das lässt sich in Oberhausen beobachten. Hier droht mit dem Anlagenbauer Babcock Borsig der letzte großindustrielle Arbeitgeber zu verschwinden. Entsprechend hektisch sind die Bemühungen der regierenden SPD, die Pleite noch abzuwenden, obwohl das Unternehmen schon beim Insolvenzgericht vorstellig geworden ist.

Clement versucht, sein Gesicht zu wahren

Bei Babcock Borsig stehen in Deutschland 13 000 Jobs auf der Kippe, davon fast 9 000 im Revier. Babcock ist ein Ruhr-Konzern wie gemalt, die staatseigene Westdeutsche Landesbank ist Großaktionär und stellt den Aufsichtsratschef. Der heißt Friedel Neuber, Ex-Chef der WestLB, der Mann, den sie noch immer den "Paten" nennen. Es war sein Mann, Klaus Lederer, der als Vorstandschef die akute Krise auslöste. Dessen Abgang ist ein Skandal: Erst plündert er die Kassen der Werft-Tochter HDW, um die Löcher bei Babcock zu stopfen. Dann verkauft er, im Hintergrund mit eigenen geschäftlichen Interessen aktiv, die Werft, um sich bei ihr als Vorstandschef einzunisten, Babcock in Trümmern hinterlassend. Und das alles findet statt unter den Augen eines Ministerpräsidenten Wolfgang Clement, der nun versucht, wenigstens sein Gesicht zu wahren, und deshalb so tut, als versuche er zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Nackte politische Verzweiflung

Es ist daher die nackte politische Verzweiflung, die den Bundeskanzler jetzt noch einmal in die Mottenkiste der staatlichen Bürgschaftshilfen hat greifen lassen. Die SPD-Kampagne an der Ruhr, wo die Wahl im September noch immer mitentschieden wird, läge mit Babcock in Trümmern. Umso bemerkenswerter ist angesichts der existenziellen Bedrohung für die NRW-SPD die Zurückhaltung, die sich Kanzler und Ministerpräsident in puncto Öffentlichkeitsarbeit auferlegen. Clement und Schröder verhandeln im Hinterzimmer. Kein Großauftritt, keine "Gerhard, Gerhard"-Rufe. Schröders Holzmann-Debakel hat tiefe Spuren hinterlassen.

Die Zeit der ökonomisch Untoten geht zu Ende

Übrigens auch in Bayern. Einen großen Bogen macht der Kandidat um "seine" Großpleiten. Die Maxhütte erhält nach Jahren staatlicher Infusionen eine Beerdigung zweiter Klasse. Stoiber lässt allenfalls die zweite Reihe reagieren. Vieles spricht dafür, dass die Zeit der ökonomisch Untoten zu Ende geht. Nicht nur der Staat, auch die Banken haben genügend eigene Probleme am Hals, als dass sie sich noch erlauben dürften, der Marktwirtschaft ins Handwerk zu pfuschen. Und Brüssel schaut potenziellen Helfern genau auf die Finger.

Nur der Zeitpunkt des Ablebens war fraglich

Das Trauerspiel war und ist, dass sich die wahren Dramen der Pleitewelle im stillen Winkel des Mittelstands abspielen. Angesichts der akuten Finanzierungsprobleme kleiner und mittlerer Unternehmen verbietet es sich geradezu, den kranken Riesen unter die Arme zu greifen. Die spektakulären Fälle indes sind fast immer Unternehmen, die aus eigener Kraft schon lange nicht mehr überlebensfähig waren. Auch hier ist Babcock Borsig ein Beispiel - seit Jahren war nur der Zeitpunkt des Ablebens fraglich. Trotz aller Tricks - man denke an den Kölner Müllofen und den steten Geldfluss aus dem Hause HDW - hat es Babcock nie wirklich geschafft, sich eine Zukunft aus eigener Kraft zu schaffen.

Politik wie so oft der Notnagle

Erstaunlich, wie sehr sich die Geschichten gleichen, ob Flugzeugbauer oder Stahlwerk, Baukonzern oder Anlagenbauer - fast immer war es eine Mischung aus unternehmerischem Versagen und politischem Aktionismus, die dafür sorgte, dass Abermillionen staatlicher Hilfen in maroden Unternehmen zu Lasten der Konkurrenz und des Steuerzahlers versenkt wurden. Fast immer haben die Unternehmen am Markt vorbeigeplant, und fast immer glaubten sie, gestützt auf klangvolle Namen oder Ausnahmepositionen in strukturschwachen Regionen, sich dies auch noch leisten zu können. Denn stets bauten sie auf die Politik als Notnagel.

Das rächt sich heute. Der Kanzler hat bei Holzmann am Ende nur Trümmer hinterlassen: Während der Name Holzmann unter mittelständischen Unternehmern längst verhasst ist, hat sich der zweifelhafte Ruf Schröders, Kanzler der Konzerne zu sein, verfestigt.

Umso mehr könnte es berechtigte Hoffnung geben, dass wir einen Zeitenwandel erleben, dass Überkommenes endlich zusammenbrechen darf. Für die Unternehmenskultur wäre das ein großer Gewinn, der Sieg der "schöpferischen" Marktwirtschaft über den Klüngel aus Politik, Gewerkschaft und Verbandsmanagern, der den Arbeitsmarkt noch immer verfilzt.

Abschied mit gutem Gewissen

Dennoch wäre es beschönigend, nur die reinigende Wirkung des Konkursgewitters zu beschreiben. Denn der Wind dreht heute derart schnell, dass selbst vorausschauendes Management mitunter ins Schwitzen kommt.

Guten Gewissens lässt sich daher nur dann von Babcock und Konsorten Abschied nehmen, wenn endlich auch der Rahmen stimmt. Mit ein, zwei Reförmchen am Arbeitsmarkt wird sich dieser Wandel nicht einstellen, dafür braucht es langen Atem. Dennoch, es hat sich etwas bewegt. Das klarste Zeichen: Zweieinhalb Monate vor der großen Wahl kann es sich der Kanzler einfach nicht mehr erlauben, den Retter zu spielen für den todkranken Patienten aus Oberhausen.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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