Der Fall Breuer
Kommentar: Im Fegefeuer

Für die Deutsche Bank kommt es knüppeldick.

Das hat der Deutschen Bank gerade noch gefehlt: Zuerst erfährt Vorstandschef Josef Ackermann am Montag, dass er bald in Düsseldorf auf der Anklagebank sitzen soll. Und gestern wird sein Vorgänger und Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer zu Schadensersatz verurteilt. Während Ackermann und anderen Aufsichtsratsmitgliedern des ehemaligen Mannesmann-Konzerns Untreue vorgeworfen wird, weil die Abfindungszahlungen im Rahmen der Übernahme durch Vodafone angeblich zu hoch gewesen sein sollen, wirft das Münchener Landgericht Breuer das öffentliche Plaudern über die angeblich mangelnde Kreditwürdigkeit des in Ungnade gefallenen Kunden Leo Kirch vor. Was in beiden Fällen auf dem Spiel steht, sind in jedem Fall mehr als die legendären "peanuts", wie Breuer-Vorgänger Hilmar Kopper einst den zu zahlenden Schadensersatz beim Skandal um den Baulöwen Schneider verniedlicht hatte.

Egal ob es in Düsseldorf nun tatsächlich zu einer Ackermann-Anklage kommt und ob der Münchener Richterspruch gegen Breuer auch die nächsten Instanzen überlebt - der doppelte Ärger der Spitze der Deutschen Bank mit der Justiz zeigt vor allem eines: Die Zeiten haben sich radikal verändert, die edle Finanzbranche spürt scharfen Gegenwind. Das betrifft im Fall Ackermann das Problem der manchmal allzu abgehobenen Arbeit von Aufsichtsräten im Allgemeinen und die mitunter allzu üppigen Manager-Vergütungen im Besonderen. Und es betrifft die Beziehungen zwischen Kunden und Bankern im Fall Breuer: Kreditnehmer können nach dem Münchener Richterspruch wieder auf einem Höchstmaß an Diskretion bestehen. Die rauen Sitten, die in diesen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten auf beiden Seiten der Banktresen herrschen, dürfen nicht vollends verkommen - so zumindest sehen es die Richter, und viele Kunden applaudieren.

Über einen Mangel an Spott und Häme wird sich die Deutsche Bank daher in den nächsten Tagen und Wochen nicht beschweren müssen. Besonders die Konkurrenz in der Kreditwirtschaft wird sich kaum halten können vor lauter Schadenfreude über den in die Schlagzeilen geratenen Branchenprimus. Doch sobald sich der Staub gelegt hat, wird die ganze Finanzbranche feststellen, dass nicht nur die Deutsche Bank betroffen ist: Die anspruchsvollen Regeln, die jetzt bei Breuer und Ackermann eingeklagt werden, gelten für alle, und die Deutschbanker sind nicht die Einzigen, die die Randbereiche des Legalen getestet haben. Der gravierende Imageschaden, der weit über den formalen Streitwert hinausgeht, betrifft zwar in besonderer Weise die Deutsche Bank, dürfte aber das gesamte Bankgeschäft von Sparkassen, Privat- und Genossenschaftsbanken verändern.

Auch deswegen, weil Rolf-E. Breuer nicht nur jahrelang die Geschäfte der Deutschen Bank managte und jetzt an der Spitze des Kontrollorgans steht, sondern weil er auch noch Präsident des Privatbankenverbands und der Deutschen Börse ist. Ausgerechnet Breuer, der in Frankfurt bereits den Ehrentitel "Mr. Finanzplatz" trägt, sorgt nun dafür, dass die Geldbranche wieder ins Gerede kommt. Und zwar zum wiederholten Mal: Zuletzt sorgte Breuer mit der Äußerung, die Banken wollten die Leitzinssenkung der EZB nicht an die Kunden weitergeben, für Kopfschütteln. Es fragt sich, wie lange sich Bank, Börse und Verband noch einen Boss leisten wollen, der sich immer wieder verplappert.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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