Der Fall White wirft Fragen auf
Aus den Träumen gerissen

Weltmeisterin Kelli White droht die Aberkennung ihrer Medaillen, weil sie ein Mittel gegen Müdigkeit genommen hat.

PARIS. Wann würde sie weinen? Dass Kelli White weinen würde, irgendwann während ihrer Ansprache, schien klar. Man musste nur diese brüchige Stimme hören, und die Unterbrechungen wahrnehmen, wenn sie schlucken musste. Aber irgendwie schaffte es Kelli White, ohne Tränen durch diesen Auftritt zu kommen. Sie sah 150 Journalisten, die sie anstarrten, sie blinzelte in das grelle Scheinwerferlicht, sie wusste, dass sie zwar im Pressekonferenzraum des Stade de Paris saß, aber dass sie für viele Beobachter auf der Anklagebank Platz genommen hatte. Kelli White, die Weltmeisterin über 100 m und 200 m, ist der spektakulärste Dopingfall dieser Leichtathletik-WM. Möglicherweise werden ihr beide Titel aberkannt.

Mit dieser brüchigen Stimme erzählte die US-Amerikanerin, dass sie in Wirklichkeit eine ganz andere Rolle besetzt: "Ich bin unschuldig." Modafinil, das Aufputschmittel, das sie eingenommen hatte, diente dazu, "mich durch den Alltag zu bringen. Ich fühle mich ständig müde, ich kann schlecht schlafen, ich habe Gedächtnisschwierigkeiten." Das Mittel habe nicht auf der Dopingliste gestanden. Sie buchstabierte sogar den Namen des Arztes, der ihr Modafinil verschrieben habe. Dr. Brian Goldman, Kalifornien. Die Müdigkeit, die Schlafprobleme, Symptome der Krankheit Narkolepsie, das alles sei Bestandteil der Familiengeschichte der Whites, sagt die Sprinterin. Details nannte sie nicht. Angeblich litten ihre Mutter und eine Tante unter dieser Krankheit. Es gibt Hinweise in der Medizin, dass die Krankheit vererbbar ist. Viele Patienten benötigen dauerhafte medikamentöse Behandlung. Modafinil ist dabei das Standardmedikament. Kelli White sagt, sie habe das Mittel unregelmäßig genommen, und sie habe es in den letzten Monaten geschluckt.

Auf jeden Fall steht in den US-Infos für Modafinil-Patienten, die jedem Arzt in den USA vorliegen, ausdrücklich, "dass die Einnahme des Mittels bei Sportlern zu positiven Dopingtests führen kann". Entweder hat Dr. Goldmann der Sprinterin diesen Punkt verschwiegen oder Kelli White nahm ihn nicht ernst. Allerdings gehört Modafinil zu Gruppe von Aufputschmitteln, die generell verboten sind. Das dürfte jeder Sportarzt sofort herausfinden, der die Warnung liest.

Und genau deshalb wirft der Fall White für Fritz Sörgel, den Leiter des Instituts für pharmakologische Forschung in Nürnberg, Fragen auf. "Warum meldet sie dieses angeblich harmlose Mittel denn nicht beim Weltverband an?" Weil es doch nicht so harmlos sei, sagt Sörgel. Selbst beim Versandhandel im Internet steht der Hinweis, in dem vor einer möglichen positiven Probe gewarnt wird. Und dann macht den Pharmakologen noch etwas stutzig: "Wieso hatte das ausgezeichnete französische Labor nach Modafinil gefahndet?", fragt sich Särgel, "diese Substanz muss man mit einer eigenen Versuchsreihe herausfiltern. Entweder wurde Kelli White verpfiffen oder die Chemiker haben auf generellen Verdacht hin gesucht. Die wissen ja auch, dass Modafinil für Sportler interessant ist."

Jon Drummonds Blockade der Tartanbahn nach seinen Fehlstarts, die Entlarvung von 400-m-Weltmeister Jerome Young als früheren Dopingsünder, nun Kelli White - fragt sich, wie groß der Imageschaden für die US-Leichtathletik ist. Die WM interessiert nicht wirklich in den USA, allein der Kabel-Sportsender ESPN II zeigt TV-Bilder aus Paris. Andererseits sorgen Dopingskandale durchaus für Schlagzeilen. Die "New York Times" berichtet groß über den Fall White. Und auf die Enthüllung von Youngs Dopingvergangenheit "reagierten viele Medien", sagt Randy Hayes von der "Los Angeles Times". Sein Blatt hatte Young nach zweijähriger Recherche entlarvt.

"Allmählich wirken die USA ja wie eine zweite DDR, lauter Dopingfälle", sagt Hayes. "Es sind einfach zu viele negative Stories in einer Woche, das schadet dem Image der Sportart." Niemand habe mitbekommen, dass Jerome Young 400-m-Weltmeister wurde. "Aber als dann sein Dopingfall aufkam, sind viele auf ihn aufmerksam geworden." Die großen Sportausrüster haben ihre Zuwendungen an den US-Verband jedenfalls reagiert und schon vor einiger Zeit erheblich reduziert.

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