Der Finanzminister liest
Steinbrück und der Dämon

Peer Steinbrück liest aus den Briefen Martin Heideggers an Hannah Arendt: An der Elite-Privatuniversität "Hertie School of Governance" widmete sich der Finanzminister dem Existenzphilosophen, aber auch seiner dunklen Seite - der Unterstützung und Toleranz gegenüber dem Nationalsozialismus. Im späten Herbst ist eine weitere Lesung Steinbrücks geplant.

BERLIN Stockgerade steht Peer Steinbrück hinter dem Pult. "Liebes Fräulein Arendt", beginnt er zu lesen und deklamiert in langen gewundenen Sätzen das "Geschenk unserer Freundschaft", das doch rein platonisch nicht sein kann - und es auch nicht lange bleiben wird im Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und Hannah Arendt, damals im Februar 1925. Zwischen den "Fragen nach Wesen und Sinn der Geschichte" hatte den verheirateten 35-jährigen Existenzphilosophen "das Dämonische getroffen", ruft Steinbrück mit weit aufgerissenen Augen ins Publikum - die Liebe zur 17-jährigen Studentin.

Der Bundesfinanzminister tritt an diesem Abend in der Elite-Privatuni "Hertie School of Governance" in der Rolle des introvertierten Gelehrten auf. Nicht nur als Herr der Zahlen will Steinbrück bekannt sein. Literatur statt Erbschaftsteuer und Etatsanierung soll das öffentliche Bild des SPD-Vize abrunden. Das Audimax im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR ist gefüllt mit Professoren, Künstlern und Studenten, die erste Reihe belegt SPD-Prominenz: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ist gekommen und Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin. An Steinbrücks Seite mimt eine kleine runde Frau ganz in Schwarz, die Bonner Kabarettistin Karin Hempel-Soos, die Hannah Arendt. Eine fast stumme Rolle hat sie anfangs, denn Heidegger hat ihre frühen Briefe diskret entsorgt. Und so hat der Minister die Bühne für sich.

"Lieber wäre ich ja Hannah Arendt, dann müsste ich nicht so viel lesen", hat er anfangs gesagt. Heideggers gewundene Sätze voll alter Weiblichkeitsklischees von "strahlenden Augen, reiner Stirn und gütigen scheuen Händen" lassen den Minister von heute aber immer wieder aus der Rolle fallen und in Ironie flüchten, wenn Heidegger den Liebesbrief banal enden lässt: "Wenn Licht brennt, klingelst Du nicht. Dann habe ich eine Besprechung." Und genüsslich zitiert er die Passage, in der Heidegger die Geliebte anweist, ihm zum Treffpunkt zu folgen - und ganz diskret einen Zug später zu nehmen.

Politisch inkorrektere Figuren als Heidegger gibt es kaum für einen Sozialdemokraten, und für Steinbrück, den Provokateur, macht wohl das den Reiz des Abends aus: Der etablierte Professor, der sich mit den Nazis einlässt und gegen die Juden wendet; der die später weltweit verehrte jüdische Politologin und Totalitarismusforscherin auf das schöne Mädchen reduziert. Und sie, die sich dies gefallen lässt. "Wieso hat sie ihm seinen Antisemitismus nach dem Krieg nicht zum Vorwurf gemacht?" rätselt Steinbrück.

In Heideggers Briefen hat er für seinen Vortrag die Verben markiert. "Man fände sie sonst nicht zwischen den vielen Substantiven", sagt er. Wie ein Marathonläufer geht er Heideggers Sätze an: Ankommen ist alles, und das Publikum applaudiert. Steinbrücks eigentliches Interesse aber gilt Arendt. Von ihr hat er fast alles gelesen, von Heidegger so gut wie nichts. "Identifizieren kann ich mich wirklich nicht mit ihm", gibt er zu, und so erfährt das Publikum ein wenig über Steinbrück, den eloquenten Vorleser, über den Menschen hinter dem Minister aber eigentlich nichts.

Im Spätherbst will Steinbrück wieder lesen. Diesmal aus dem Werk von Harry Graf Kessler. Kessler war Politiker, Schriftsteller, Museumsdirektor und Pazifist während des ausgehenden Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Selbst sah er sich als Weltmann und Angehöriger der europäischen Gesellschaft. Kesslers Leben kreist um Politik und persönliche Freundschaften. Mit Kessler kann Steinbrück sich identifizieren.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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