Der Formel-1-Weltmeister über seine autofreie Zukunft
Schumi plant Karriere als "TT"

Der Weltmeister ist zurück. Michael Schumacher drückt wieder aufs Gaspedal und hat auch schon Bekanntschaft mit dem Kiesbett gemacht. Er wundert sich über den neuen McLaren-Mercedes, lästert über Niki Lauda und hat genaue Vorstellungen über die Karriere nach der Karriere.

Auf dem kleinen Schild an der Uniform steht "Jefe de Equipo". Der stolze Spanier sitzt in seinem Kabuff am Haupteingang und passt auf. Auf den Circuit Ricardo Tormo in Valencia. Und damit auch auf Michael Schumacher. Der ist Jefe de Equipo von Ferrari und testet für die nächste Formel-1-Saison. Was nicht ohne Komplikationen abgeht. Eben hat ihn ein Defekt zur vorzeitigen Mittagspause gezwungen. Kommt schon mal vor. Genauso wie der Ausflug in nicht geteerte Bereiche zuvor. "Hatte ein Kiesbett-Meeting", erzählt Schumacher im Handelsblatt-Gespräch. "Zu spät gebremst, da ist mir die Straße ausgegangen."

Der Alltag hat den Weltmeister wieder. Mit allem, was dazugehört. Rotes Auto, rote Dienstkleidung, Pasta vom Ferrari-Koch mit tomatenroter Soße - und rosarote Aussichten. Früher als geplant ist er ins Auto zurückgekehrt und hat damit abermals dokumentiert, dass bei ihm noch keine Motorsport-Sattheit ausgebrochen ist. "Das Lenkrad und vier Räder um mich herum - das ist ein Teil von mir", sagt der 33-Jährige bedeutungsschwer. Und nimmt einer ganzen Branche die Sorge, dass er als Held des aktuellen Vollgas-Booms bald abspringen und auf Privatier machen könnte. Ganz im Gegenteil: "Ich habe noch eine längere Phase in der Formel 1 vor mir."

BMW Williams ist der erste Mitbewerber

Na bitte. Das und auch dezente Spitzen in Richtung der Konkurrenz wollen die Fans hören: "Der neue McLaren-Mercedes weist interessanterweise gewisse Ähnlichkeiten zu unserem Vorjahres-Modell auf." Kein Zufall, oder? "So kann man es sagen." Frei nach dem Motto "Wer kopiert, kann nicht gewinnen" hat Schumacher eher BMW-Williams und nicht die silberfarbene Konkurrenz als ersten Mitbewerber auf der Agenda. Vor allem, aber nicht nur aus technischen Gründen. "Die haben den Reifenpartner gewechselt. Und wir bei Ferrari wissen aus eigener Anschauung gut, dass man da zunächst gewisse Erfahrungen sammeln kann, mit denen man nicht gerechnet hat." Während die italienische Traditionsfirma als letztes Topteam weiter auf Bridgestone setzt, beliefert Michelin neuerdings Mercedes.

Hinzu kommen die personellen Veränderungen beim britisch-deutschen Zusammenschluss. Nachdem sich Mika Häkkinen verabschiedet hat, sieht er keinen Fahrer mit Stern mehr, der ihm dauerhaft das Wasser reichen könnte. Ob er beim Buchmacher auf einen wie David Coulthard setzen würde? Schumacher grinst, wie er immer grinst. Der bei Karikaturisten so willkommene Gesichtsausdruck breitet sich massiv aus. Dann sagt er achselzuckend: "Wie soll ich da rauskommen, ohne dass ich David vors Schienbein trete?" Seine Einschätzung des schottischen Kollegen ist schließlich bei aller bemühter Diplomatie eindeutig zweideutig: "Er kann schnell Auto fahren - wenn der Wagen keine technischen Probleme bereitet." Liest sich wie: Er hat sich stets sehr bemüht.

Alle alten Besen kehren weiter

Der Deutsche kann diese feinen Nadelstiche gelassen austeilen, weil er sich auf der sicheren Seite wähnt. Wohl nie zuvor griff der Ex-Kerpener im Vorfeld einer Saison auf so viel Vertrautes zurück wie in diesem Jahr. Bei Ferrari und auch in Schumachers Umfeld ist personell alles beim Alten, die Wahrscheinlichkeit unliebsamer Überraschungen auf ein Minimum reduziert. Selbst seine persönlichen Sponsoren sind dieselben wie 2001. Und der Manager sowieso: "Willi Weber und ich sind jetzt im 13. Jahr. Aber es hat nie böses Blut gegeben. Was bemerkenswert ist, schließlich geht es um sehr viel Geld."

Und da beim viermaligen Weltmeister Skandale der Kategorie Boris Becker bislang unvorstellbar sind, drohen der Öffentlichkeit und dem berühmtesten Autofahrer der Republik höchstens Langeweile. "Auf dem Niveau, das wir mit Ferrari erreicht haben, kann das eigentlich nicht passieren. In einer solchen Situation nehme ich gerne in Kauf, dass es eine gewisse Kontinuität gibt", analysiert Schumacher. Für ihn ist es immer noch "am schönsten, wenn wir testen und dabei Fortschritte machen". Umso mehr ärgert es den Champion nach wie vor, "wenn man drei Tage im Kreis fährt und es tut sich nicht viel". Kurzum: Keine Erkenntnisse sind schlechte Erkenntnisse.

Zuviel Ereignislosigkeit ist nicht gut fürs Geschäft

Bei aller Zufriedenheit über die Stabilität im beruflichen und privaten Bereich ist allerdings auch einem Schumacher klar, dass hier und da auch mal etwas Leben ins Leben muss. Zu viel Ereignislosigkeit ist nicht gut fürs Geschäft. Als die vergangene Saison früh entschieden war, blieb dies nicht ohne Folgen für das Medieninteresse. "Eine gewisse Sättigung war da. Irgendwann wollte nicht mehr jeder über Rot schreiben, weil im Prinzip alles gesagt war", berichtet Schumachers Pressesprecherin Sabine Kehm.

Sorgen, dass dies in den kommenden Wochen und nach dem ersten Rennen am 3. März in Melbourne so bleibt, sind freilich völlig unbegründet. Solange die Bild-Zeitung mit Schumi-Schlagzeilen Auflage generiert und RTL Quote, werden sie dies hemmungslos tun. Und damit den Boom am Kochen halten. Interessant wird sein, was nach dem finalen Abgang des Meisters mit der Formel 1 passiert. Er selbst will jedenfalls von dem oberflächlichen Theater um viel PS und wenig IQ zunächst einmal Abstand gewinnen. "Ich will weg von der Formel 1, etwas ganz anderes machen. Teamchef werde ich bestimmt nicht", sagt er mit Bestimmtheit. Vielmehr, das sei bereits mit Ehefrau Corinna abgesprochen, plane er eine Laufbahn als "TT". Wie bitte? "Ja, TT. Bedeutet Turniertrottel. So nennt man gern mal Leute, die bei Reitturnieren den Stall ausmisten und den Lkw fahren." Die bessere Hälfte hat sich der Westernreiterei verschrieben, ihr Mann wird in die Formel Forke wechseln.

Rückfall nicht ausgeschlossen

Den einen oder anderen Rückfall dürfte es dennoch geben. "Hier und da mal Testfahrten zu machen, daran hätte ich auch später noch Freude", lässt sich Schumacher eine kleine Hintertür offen. Als Altmeister Niki Lauda kürzlich nach vielen Jahren der Abstinenz probeweise in einen Jaguar-Boliden gestiegen war, endete dies jedoch mit fatalen Rundenzeiten - und einer Art Kiesbett-Meeting. "14 oder 15 Sekunden Rückstand auf die Zeiten der heutigen Fahrer. Ich möchte nicht übertreiben: Aber das hätte vielleicht sogar meine Frau geschafft", lästert der Champion. Seine Frau? "Ja, die ist schon ganz heiß auf eine Fahrt im Formel-1-Ferrari." Als Kartfahrerin soll Corinna Schumacher bereits eine ordentliche Figur abgegeben haben.

Alles bestens also bei Familie Schumacher. Für die Wahl-Schweizer gibt es letztlich nur ein Problem. Das langwierige Genehmigungsverfahren für das neue Haus in der Schweiz nervt. "Bis April", so hofft der Bauherr, wird das Thema vom Tisch sein. Danach sollen die Handwerker anrücken und das neue Reich für die Schumachers erstellen. Ein Anwesen mit üppigem Auslauf für Frau, Kinder und natürlich auch für die Vierbeiner.

Es naht die Zeit, in der der Weltmeister mit weniger Pferdestärken auskommen muss. Aus dem Jefe de Equipo wird dann schlicht ein TT.

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