Der frühere Kanzlerberater wird neuer Boeing-Präsident für Deutschland: Horst Teltschik: Der Grenzgänger

Der frühere Kanzlerberater wird neuer Boeing-Präsident für Deutschland
Horst Teltschik: Der Grenzgänger

Vom Kanzlerberater zum Boeing-Chef in Deutschland: Als Grenzgänger zwischen Politik und Wirtschaft soll Horst Teltschik dem US-Konzern hier zu Lande auf die Beine helfen.

BERLIN. Nein, nein, ein Lobbyist sei er nicht. Das betont Horst Teltschik gleich drei Mal an diesem Morgen. Wenn er nur den Türöffner für Boeing hätte spielen sollen, hätte er den Job nie angenommen. Seine Zuständigkeit sei vielmehr von nun an die "strategische Ausrichtung des US-Luftfahrtkonzerns in Deutschland". Und das klingt schon eher nach einer Aufgabe, die den 62-Jährigen reizt.

Oft kommt es nicht vor, dass ein Ex-Kanzlerberater die Deutschland-Dependance eines US-Konzerns übernimmt. Doch Boeing-Chef Phil Condit machte deutlich, dass es genau diese "Grenzgänger"-Vita ist, die Teltschik auf den neuen Posten hievte: "Wir wollten einen Mann, der Deutschland wirklich kennt."

Was er nicht sagt: Wir brauchen auch einen, den Deutschland kennt, wir brauchen ein "Gesicht". Schließlich soll die Personalie Politik und Wirtschaft gleichermaßen signalisieren, dass der US-Konzern auf dem Heimatmarkt des Konkurrenten EADS präsent ist.

Teltschik will von nun an durch die Republik reisen und bei Mittelständlern und Universitäten ausloten, wo Kooperationen und Beteiligungen möglich sind. "Das Interesse ist groß, denn der Name Boeing ist natürlich ein Aushängeschild", zeigt er sich optimistisch. Ganz nebenbei will Boeing natürlich auch seine Produkte verkaufen, vor allem im Rüstungsbereich. Da wird dann doch vor allem der Lobbyist Teltschik gefordert sein.

Wie ernst Boeing dieser Teil des Geschäfts ist, zeigt schon die Tatsache, dass vor geraumer Zeit der Posten auch Siegmar Mosdorf angeboten wurde, dem ehemaligen Wirtschaftsstaatssekretär und Luftfahrtkoordinator der Schröder-Regierung. Der stand jedoch nicht zur Verfügung.

Aber der in Bayern aufgewachsene Teltschik ist nicht zweite Wahl: Als langjähriger außenpolitischer Berater von Kanzler Kohl weiß er, wie Politik funktioniert. Als er 1991 in die Wirtschaft wechselte, folgten die "drei B", wie Teltschik heute schmunzelt. Erst die Arbeit im Bertelsmann-Konzern, dann der Vorstandsposten bei BMW - typischerweise für den Bereich "Wirtschaft und Politik", aus dem er im Jahr 2000 ausschied. Er hatte mit 60 Jahren die Altersgrenze erreicht. Und nun der Job bei Boeing.

Das alles hat ihm Einblicke in viele Bereiche verschafft - vor allem Einsicht in die Bedeutung des Networkings. Denn wirkliches Charisma bescheinigt dem grauhaarigen "Wolfskopf" niemand. Doch kaum jemand ist so gut vernetzt wie er, der nicht nur bei Bertelsmann, sondern auch als Leiter der Herbert-Quandt-Stiftung seine Fühler in alle Richtungen ausstreckte.

Für Boeing wurde er vor allem als Organisator der Internationalen Konferenz für Sicherheitspolitik in München interessant, des mittlerweile zentralen transatlantischen Diskussionsforums für Verteidigungsstrategien. Dort brachte Teltschik das Kunststück fertig, nicht nur enge Bande nach Washington zu knüpfen, sondern das Treffen zunehmend weiter zu internationalisieren. Kein Wunder: Zu seinen zahlreichen Posten und Mitgliedschaften gehören auch die im Deutsch-Japanischen Forum und der Deutsch-Indischen Beratungsgruppe.

Ob er allerdings im Alltagsgeschäft als Boeing-Präsident Deutschland genauso erfolgreich sein wird, muss sich zeigen. Zwar öffneten sich für seinen neuen Chef, Phil Condit, am Montag sowohl die Türen beim Kanzler als auch beim Außenminister. Aber dies dürfte mehr an der Tatsache liegen, dass derzeit selten ein milliardenschwerer US-Konzern Interesse an Deutschland zeigt. Die eigentliche Arbeit etwa für Rüstungsaufträge beginnt auf der Ebene darunter, in den Ministerien und bei den Bundestagsabgeordneten. Immerhin hat Teltschik hierbei ein Plus: Er gilt trotz seiner Karriere unter Kohl nicht als sturer Unions-Parteigänger. Und er hat den Balanceakt vollbracht, eine eigene Meinung zu vertreten, ohne gleich fest einem politischen Lager zugeordnet zu werden.

Zudem signalisiert der Boeing-Chef demonstrativ Geduld. "Wir betreiben kein kurzfristiges Geschäft", wiegelt der Mann aus Seattle mit Blick auf den deutsch-amerikanischen Streit über den Irak ab. Teltschik drückt sich deutlicher aus: "Investitionsentscheidungen werden langfristig getroffen. Regierungen dagegen kommen und gehen."

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VITA

Horst Teltschik wird am 14. Juni 1940 in Klantendorf, Nordmähren, geboren und wächst im bayerischen Tegernsee auf. Während des Politik- und Völkerrechtsstudiums in Berlin engagiert er sich beim Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), wird dann Hochschulassistent des SPD-Vordenkers Richard Löwenthal. 1972 bis 1991 arbeitet er für Helmut Kohl, erst in Rheinland-Pfalz, später im Kanzleramt als außenpolitischer Berater. 1991 wechselt er in die Wirtschaft. Zu seinen Karrierestationen zählen unter anderem die Geschäftsführung bei Bertelsmann (bis1993), das Vorstandsamt bei BMW (bis 2000) und bis 2003 die Führung der Herbert-Quandt-Stiftung. Seit 1999 organisiert er die Sicherheitskonferenz in München.

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