Der frühere Skistar Markus Wasmeier über Weltpolitik, Funktionäre, Käse und übergewichtige Kinder: Stuntman verzweifelt gesucht

Der frühere Skistar Markus Wasmeier über Weltpolitik, Funktionäre, Käse und übergewichtige Kinder
Stuntman verzweifelt gesucht

In der ARD ist er als Ski-Experte meist ein zahmer Kritiker. Doch bei der Krise im DSV wird Wasmeier deutlich - und attackiert die deutschen Fahrer und Funktionäre.

ST. MORITZ. Wenn der "Wasi" erst einmal ins Philosophieren gerät, gibt es kein Halten mehr. Da spielt es letztlich keine Rolle, ob es um Weltpolitik geht oder um Käse aus der Heimat. Also, erstens: "Hoffnung ist das Wichtigste im Leben. Wenn du die nicht mehr hast und dir egal ist, was der Saddam macht, dann ist es ganz schlecht." Und, zweitens: "Du glaubst ja gar nicht, wie viele Käsesorten es in Bayern gibt. Der ist absolut salonfähig und genauso gut wie der französische."

Zugegeben, diese Zitate sind ohne Zusammenhang aus einem Gespräch mit Markus Wasmeier entnommen. Und doch sagen sie viel aus über den ehemaligen Skifahrer, der als letzter Deutscher Erfolge auf höchstem Niveau feierte. Zurzeit ist der 39-Jährige bei der WM vor Ort, er kommentiert für die ARD die Rennen. Und sieht dabei - zumindest im Herrenbereich - meist trostlose deutsche Resultate. Wen wundert es da, dass Wasmeier noch immer besser verdient via Werbung als alle deutschen Weltcup-Fahrer zusammen. Neben dem ARD-Einkommen gibt es Verträge mit Bogner (Kleidung), Fulda (Reifen) und - siehe oben - der Landesvereinigung der bayerischen Milch- und Käsewirtschaft.

Womit wir beim Thema wären. Beim Deutschen Skiverband nämlich sei - um es flapsig auszudrücken - auch alles Käse. Nur eben nicht so appetitlich wie bei seinem Werbepartner. Auf den DSV und sein Tun angesprochen, verdreht Wasmeier die Augen, schweigt für eine Sekunde und benötigt in den Folgeminuten höchstens noch Stichworte, um all die Versäumnisse mit Vehemenz aufzulisten. "Das Potenzial in Deutschland ist sogar größer als jenes in Österreich. Wenn bei uns nur nicht diese Denkweise wie vor 30, 40 Jahren vorherrschen würde", sagt er im Handelsblatt-Gespräch.

Wasmeier klagt, dass man nicht über den eigenen Tellerrand hinausschauen würde. Dass niemand neue Wege gehen wolle. Dass es festgefahrene Strukturen gebe. Dass allenthalben Ratlosigkeit herrsche. "Was soll ich das da noch groß kritisieren, es bringt eh nix." Um dann doch über den DSV-Vertrag mit RTL zu meckern: "Da hat man geglaubt, dass wäre der große Deal. Dabei hat sich RTL doch nur für das Skispringen interessiert, für sonst nichts." Daher, so der blonde Kommentator vom Ersten, fehle ihm für diesen Vertragsabschluss jedes Verständnis.

Neidvoll blickt der Mann aus Schliersee, der nicht nur Skier, sondern auch Zither und Schoßgeige beherrscht, nach Österreich. "Da wird der Verband profihaft wie ein guter Fußballclub geführt. Präsident Schröcksnadel ist ein eiskalter Geschäftsmann, solch einen Typen bräuchten wir auch bei uns." Er selbst hege allerdings keine präsidialen Ambitionen: "Ich habe genügend Ideen und Visionen. Aber eine Aufgabe dieser Größenordnung würde ich mir nicht zutrauen." Das Erkennen der Defizite fällt ihm gleichwohl nicht schwer: "Egal, ob in einem Verband oder einem Unternehmen: Der Kardinalfehler ist, dass man sich neuen Zeiten nicht anpasst."

So deutlich Wasmeier in Sachen DSV wird, so zurückhaltend äußert er sich vor den Fernsehkameras über die Leistungen der deutschen Skisportler. "Ich werde der Letzte sein, der einen Fahrer allzu aggressiv angeht. Mir geht es eher darum, die Freude und Faszination an dieser Sportart zu vermitteln." Dass Zuschauer ihn angesichts steter deutscher Hinterherfahrerei bisweilen auffordern, doch selbst wieder ins Geschehen einzugreifen, stößt nicht auf Gegenliebe: "Alles Humbug."

Den Start der morgigen WM-Herrenabfahrt in St. Moritz, bei der man innerhalb von sechs, sieben Sekunden auf 140 Stundenkilometer beschleunigt, hat er auch schon ausprobiert. "Ist schon was Besonderes. Aber für Leute, die das 300 Tage im Jahr trainieren, ist es keine große Herausforderung." Als Touristenattraktion taugt der "Freie Fall" dennoch: Die Kurverwaltung denkt darüber nach, nach der WM Gäste zum Knipsen des Steilhangs hochzukarren. Insbesondere bei Japanern erwartet man großes Interesse.

Zurück zu den deutschen Skiproblemen. Warum die aktuellen Strategen nicht für die Weltklasse in Frage kommen, ist für Wasmeier vor allem ein psychologisches Problem. "Unsere sind alle zu brav, das sind keine Stuntman-Typen." Schaue man sich die Großen der Szene an, werde man feststellen, dass es durchweg "ganz eigene, schwierige Typen" sind. "Der Maier, natürlich. Der Eberharter mag zwar etwas lieber sein, aber einfach ist der auch nicht." Im Vergleich dazu die Deutschen: "Der Ertl Anderl, da kann man nicht sagen, dass er schlecht Ski fährt. Und auch der Rauffer Max hat ein gutes technisches Niveau."

Hört sich nicht nach Zukunftsperspektive an. "In deren Alter kann man die Fahrer nicht mehr formen. Bei den Jungen, die jetzt nachkommen, ist das was anderes." Diese Talente, die jetzt erstmals bei einer WM dabei sind, würden alle Voraussetzungen für eine große Karriere mitbringen. Doch: "Der Weg dorthin ist steinig. In der Liga ganz oben geht es ganz hart zu." Wasmeiers Wunsch ist klar definiert: "Was wir brauchen, sind Rennfahrer und keine Trainingsweltmeister."

Beim Nachwuchsthema kommt dem Bajuwaren, der als Hobbys unter anderen Hausmusik und Hausbauen angibt, schnell auf die Jugend von heute im Allgemeinen und ihre sportlichen Defizite im Besonderen zu sprechen. "Es gibt keinen richtigen Sportunterricht mehr, das ist nur noch Larifari. Die Kinder sind übergewichtig und die Lehrer wissen nicht, dass Sport eine Lebensschule sein kann."

Die Hoffnung auf Besserung ist Wasmeier freilich noch nicht abhanden gekommen. Weder beim deutschen Skisport noch in der Weltpolitik noch bei der Akzeptanz des bayerischen Käses.

Quelle: Handelsblatt

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