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Der geheimnisvolle Tod des Kronzeugen

Gerade hatte Tony Blair noch in Washington umjubelt hinterm Rednerpult gestanden und den Kongressabgeordneten gerührt ein "Thank you" zugehaucht, für das sich Marilyn Monroe nicht hätte schämen müssen. Nun, in Tokio, griff er das Rednerpult mit beiden Händen, dass die Knöchel weiß hervorstanden, und schwieg. "Glauben Sie nicht, dass Sie Blut an den Händen haben? Werden Sie nun zurücktreten?" rief ihm ein Reporter zu. Doch der britische Premier, der sonst auf alles eine Antwort hat, der das Unmögliche begründen und dem Widrigsten einen positiven Dreh geben kann, blieb stumm.

Ein toter Spaziergänger in einem Waldstück am Harrowdown Hill im bukolischen Oxfordshire hatte den Triumph von Washington in eine Tragödie verwandelt. Und der Held im Stück, Tony Blair, schwieg. Kreidebleich.

Die Meldung vom geheimnisvollen Tod des Mikrobiologen Dr. David Kelly erreichte den Blair-Flug BA9127C Stunden vor der Landung in Tokio. "Die Stimmung an Bord ist zum Platzen gespannt", berichteten Korrespondenten live aus der Boeing 777. Oppositionsführer Iain Duncan Smith forderte den Rückruf des Parlaments aus den Ferien. Labourlinke riefen nach dem Rücktritt des Premiers. "Er nützt dem Land nichts mehr und schon gar nicht mehr der Labourpartei", schimpfte die Abgeordnete Glenda Jackson.

Dabei wusste niemand recht, was passiert war und warum. Der mutmaßliche Kronzeuge im Streit zwischen der BBC und der Regierung Blair um die Irak-Dossiers hatte sich umgebracht. Die Pulsader am linken Handgelenk aufgeschnitten, betäubt mit einer hohen Dosis des Schmerzmittels Coproxamol.

Kurz bevor die Maschine in Tokio landete, beugte sich Blairs Sprecher über die Lehnen und teilte den Journalisten das Unvermeidliche mit: Der Tod Kellys und damit die gesamte Affäre um die Dossiers, die Berichte der BBC, die Gegenattacke von Blairs Kommunikationsdirektor Alastair Campbell, die Rolle des Premiers und die Begründungen des Irak-Krieges - das alles wird nun offiziell von einer unabhängigen Kommission untersucht. Die entscheidende, vielleicht letzte Runde der Dossierkrise hat begonnen.

Geplant war alles ganz anders. Einen Schlussstrich wollte Blair ziehen, und dann, im Barbados-Urlaub, würde endgültig Gras über die Sache wachsen. Der triumphale Besuch in Washington sollte ein bisschen Freude an dem Sieg im Irak aufkommen lassen, auch wenn die Arbeit am Frieden beschwerlich ist. Blair wollte die leidige Sache mit den irakischen Massenvernichtungswaffen einmal in die richtigen Relationen setzen. "Sollten wir uns getäuscht haben, so haben wir doch eine Gefahr beseitigt, die Unmenschliches an Zerstörung und Leid verantwortet hat. Das wird uns die Geschichte verzeihen." Dem amerikanischen Präsidenten ein wenig schmeicheln. "Thank you, Mr. President, for your leadership." Ihm dann mit ein paar Ratschlägen zeigen, wie man die "Diplomatie ein bisschen verfeinern" und wirklich Politik machen könnte: "Überzeugen, nicht kommandieren." Eine wuchtige Rede.

"Dunkle Figuren spielen ihr Spiel", schrieb Kelly.

Blair machte die transatlantische Partnerschaft als Kern aller Stabilität in der Welt aus, hob die Amerikaner auf den Schild, um ihnen dann sanft, aber unüberhörbar ins Gewissen zu reden. "Amerika muss nicht nur führen, sondern auch zuhören." Indem er sich so als einer erwies, der das Ohr der politischen Eliten in Washington hat, versetzte er den Antiamerikanern ganz nebenbei einen Nasenstüber. 40-mal wurde die Rede von Beifall unterbrochen, 17-mal erhoben sich die Kongressabgeordneten von den Stühlen.

Doch noch während Blair in den USA umjubelt wurde, wartete in Southmoor bei Oxford Kellys Frau Janice voller Unruhe auf ihren Mann. Es war bald Mitternacht, und Kelly war noch nicht zurück. Um 15 Uhr nachmittags hatte er sich zu einem Spaziergang verabschiedet.

Kelly wusste, dass etwa zu diesem Zeitpunkt BBC-Korrespondent Andrew Gilligan in London erneut vom außenpolitischen Ausschuss des Unterhauses verhört wurde. Die Abgeordneten wollten noch einmal nachbohren. War Kelly der Hauptzeuge für Gilligans Bericht über die 45-Minuten-Behauptung der Regierung Blair? Eine Dreiviertelstunde nur würde Saddam Hussein genügen, hatte im September in einem Dossier gestanden, um einen Chemie- oder Biowaffenangriff zu starten. Gilligan berichtete, die Regierung und Informationschef Campbell hätten sich damit über Bedenken und Zweifel der Geheimdienste hinweggesetzt. Hatte also Kelly, der korrekte Wissenschaftler aus dem Verteidigungsministerium, Gilligan dies beim Lunch im Charing Cross Hotel gesteckt?

"Dunkle Figuren spielen ihre Spiele", schrieb Kelly Stunden vor seinem Tod in einer E-Mail an eine Journalistin. Wen meinte er? Die Regierung Blair? Die BBC?

Seine eigene Ausschussvernehmung im Juni hatte er als demütigend empfunden. "Sie sind nur Spreu, Sie werden ausgenutzt, um uns auf eine falsche Fährte zu führen", hatte ein Ausschussmitglied ihn niedergemacht. Physisch krank sei er nach Hause gekommen und "sehr, sehr gestresst", berichtete seine Frau. Vor dem Ausschuss bestritt der ranghohe ehemalige Uno-Waffeninspekteur, Gilligans Hauptzeuge zu sein.

Die Anhörung des BBC-Korrespondenten Gilligan am Donnerstag schließlich war "eine unbefriedigende Sitzung mit einem unbefriedigenden Zeugen", wie Ausschussvorsitzender Donald Anderson verblüfften Reportern mitteilte. "Eine Lynchjury", konterte Gilligan. Doch Kelly war zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon tot, aufgerieben im Grabenkrieg politischer Interessen, die er nicht mehr kontrollieren konnte. Medien, die Blair nicht mehr über den Weg trauen, und eine Regierungsmaschine, die entschlossen war, jeden Vorwurf der Unredlichkeit mit den Wurzeln auszurotten.

Gestern, am Sonntag, nach wochenlangem Zögern, bestätigte die BBC endlich, dass Kelly Gilligans Hauptinformant war. Das lässt zwei Möglichkeiten offen. Kelly hat mehr und anderes gesagt, als er vor dem Ausschuss einräumte. Oder BBC-Korrespondent Gilligan hat mehr aus Kellys Informationen gemacht, als er hätte tun dürfen. Wie die Regierung mit ihren Irak-Dossiers? Und hatte die BBC nicht von "Geheimdienstquellen" gesprochen - was Kelly eindeutig nicht war?

Blair und vor allem die BBC - beide stecken nun in einer schweren Krise. Was den Jubelstar von Washington angeht, sah er grau und hager aus, als er gestern in einem Interview endlich sein Schweigen brach. Nein, das Parlament zurückzurufen würde "mehr Hitze als Licht" auf die Sache werfen. Am besten für alle sei nun eine Periode des Nachdenkens.

Dann konzentriert er sich wieder auf das wirklich Wichtige. Das Richtige tun, auch wenn andere es nicht verstehen wollen. Er sprach in Asien über die Massenvernichtungswaffen Nordkoreas, und das Blut kehrte in sein Gesicht zurück.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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