Der gesamte Einkaufs- und Entwicklungsprozess im Maschinen- und Anlagenbau, so die Vision, könne künftig online ablaufen.
Ohne Akten

Schluss mit quadratmetergroßen Plänen aus Papier: Die Internet-Plattform Ec4ec will Projekte im Maschinen- und Anlagenbau komplett über das Netz abwicklen. Die Großen der Branche sind begeistert.

HB DÜSSELDORF. Diese Geschichte erzählt Christian Schäfer immer wieder gerne, wenn er die Vorteile des E-Business im Maschinen- und Anlagenbau deutlich machen will: Wie er sich früher als Ingenieur die Nächte um die Ohren geschlagen hat, um bei Großprojekten Ausschreibungsfristen einzuhalten. "Die Sekretärin hatte schon lange Feierabend, unten wartete der Paketdienst mit laufendem Motor" - und Schäfer stand stundenlang am Kopierer, hantierte hektisch mit Dutzenden von Aktenordnern und riesigen Plänen, um auf den letzten Drücker noch Änderungen einzuarbeiten: "Das war immer der reinste Horror."

Geht es nach dem studierten Maschinenbauer, ist dieser Stress in Zukunft vorbei. Nicht mehr per Post oder Fax sollen Zulieferer und Kunden Baupläne, Spezifikationen und Verträge austauschen, sondern schneller, bequemer und billiger über das Internet. Der gesamte Einkaufs- und Entwicklungsprozess im Maschinen- und Anlagenbau, so die Vision, könne künftig online ablaufen - über eine Internet-Plattform namens Ec4ec, deren Geschäftsführer Schäfer ist.



Das kryptische Kürzel steht für "E-Commerce for Engineered Components". Drei Schwergewichte der Branche sind die Gründungsväter des Düsseldorfer Startups: die Oberhausener Babcock AG, die Frankfurter MG Technologies AG und die VA Technologie AG aus dem österreichischen Linz. Gemeinsam mit der Deutschen Bank und dem Software-Hersteller SAP haben sie Ec4ec Ende 2000 aus der Taufe gehoben.



Ec4ec will kein Marktplatz sein wie jeder andere: "Wir sind kein Online-Shop für Standard-Produkte", sagt Geschäftsführer Schäfer. Hochkomplizierte Spezialteile sollen die Unternehmen über die Plattform gemeinsam entwickeln und handeln. Fachleute sprechen von "Engineered Components", zum Beispiel Pumpen und Kompressoren, Wärmetauscher und Rohrleitungssysteme. Der Marktplatz versteht sich nicht als reines Einkaufswerkzeug. Schäfer: "Wir bieten ein web-basiertes Engineering-Tool, das die komplette Ingenieursarbeit unterstützt."



Damit könnten sie in eine Marktlücke stossen: "Ich halte das Geschäftsmodell für gut", sagt Jürgen Behlke, E-Business-Experte beim Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), "die Sache hat aus meiner Sicht gute Erfolgsaussichten". Denn in der Branche entwickeln Zulieferer und Einkäufer Komponenten oft gemeinsam, sie müssen sich über viele technische Details einigen. "Im Maschinen- und Anlagenbau gibt es fast nichts, was standardisierbar ist", sagt Marktplatz-Chef Schäfer. Eine Raffinerie oder ein Steinkohlekraftwerk bestehe bis zu 80 % aus Teilen, die speziell konstruiert werden müssen. Häufig sind auf beiden Seiten ein halbes Dutzend Ingenieure beteiligt, Datenblätter und technische Zeichnungen füllen selbst bei mittelgroßen Projekten schnell 50 Aktenordner. Bis die letzte Kleinigkeit feststeht, sind diese Papierberge mehrfach zwischen den Firmen hin- und hergewandert - und Wochen sind ins Land gegangen.



Mit Ec4ec soll das alles anders werden: Der Einkäufer kann alle Ausschreibungsunterlagen auf den Zentralrechnern von Ec4ec speichern - so haben die Lieferanten sofortigen Zugriff auf die Dokumente. Der Zulieferer hinterlegt seine Konstruktionspläne ebenfalls im Web, wo sie der Einkäufer mit Kommentaren versehen kann. Dadurch sind die Dokumente immer auf dem neuesten Stand.



Alles, was die Unternehmen dazu brauchen, ist ein Internet-Zugang und ein Internet-Browser. Ec4ec hat ein Zusatzprogramm entwickelt, mit dem sich Konstruktionspläne unabhängig vom Dateiformat im Surfprogramm anschauen und bearbeiten lassen. So können Unternehmen auch dann problemlos Pläne austauschen, wenn sie unterschiedliche Zeichensoftware benutzen.



Die Zusammenarbeit über das Netz, in der Fachsprache "Collaborative Engineering" genannt, soll die Entwicklungsarbeit und den Beschaffungsprozess drastisch beschleunigen und verbilligen. Sowohl Einkäufer als auch Verkäufer könnten ihre Bearbeitungskosten um bis zu 20 % senken, verspricht das Startup - eine Zahl, die auch VDMA-Mann Jürgen Behlke für "realistisch" hält.



"Wir entlasten unsere Ingenieure und Einkäufer von Routineaufgaben", lobt Norbert Klapper, Vorstandsmitglied der Stuttgarter Dürr AG, die Fertigungsanlagen für die Autoindustrie baut und Ec4ec getestet hat. Der Umgang mit den "riesigen Datenmengen" sei über das Web einfacher, zudem könnten alle Beteiligten viel leichter den Überblick über die Änderungen behalten - und dadurch effizienter arbeiten. Jürgen Wolf, Einkaufschef von Babcock Power, sieht weitere Vorteile: Weil alle Daten digital ausgetauscht würden, müssten sie nicht mehr mehrfach per Hand eingegeben werden - "das spart Zeit und reduziert Übertragungsfehler". Zudem müssten Ingenieure dank der elektronischen Zusammenarbeit weniger reisen. Bis zu 70 % aller Beschaffungsaufträge will der Konzern bis Ende 2003 über Ec4ec abwickeln - und so rund 100 Mill. pro Jahr einsparen. Branchenkenner gehen davon aus, dass die Konzerne über den Marktplatz auch billiger einkaufen werden. "Durch die bessere Vergleichbarkeit der Angebote wird Druck auf die Preise entstehen", sagt VDMA-Experte Behlke. Ec4ec spielt diesen Effekt in der Öffentlichkeit aber herunter: "Es geht nicht darum, Nachfrage zu bündeln, um die Zulieferer auszuquetschen", beruhigt Axel Wullenkord, neben Schäfer zweiter Geschäftsführer von Ec4ec.



2003 will Ec4ec ein Handelsvolumen von 6,5 Mrd. über seine Plattform abwickeln. Doch die Sache scheint langsamer in Fahrt zu kommen als gedacht: Bis Ende 2001 wollte Ec4ec eigentlich 2700 Anwender für die Plattform begeistert haben - ein Ziel, das nur schwer zu erreichen sein dürfte. Denn bislang gibt es gerade einmal 300 Nutzer aus 65 Unternehmen. Die mittelständisch geprägte Branche vom Segen der elektronischen Zusammenarbeit zu überzeugen, "ist ein hartes Brot", gesteht Ec4ec-Geschäftsführer Schäfer. Vor allem mittelständische Unternehmen "warten erstmal ab" sagt VDMA-Experte Behlke.



Zum Beispiel ein mittelständischer Anlagenbauer aus Hessen, der unter anderem Lurgi und Babcock beliefert: "Wir verschließen uns Ec4ec nicht grundsätzlich", sagt der Vertriebschef hinter vorgehaltener Hand, "aber im Moment passiert bei uns gar nichts. Wir schauen uns erstmal an, wie sich die Sache entwickelt."



Der Mittelständler scheut vor allem die aus seiner Sicht "überraschend hohen Kosten": Für jeden einzelnen Zugang zu Ec4ec kassiert das Unternehmen monatlich 300 . "Bei fünf oder sechs Beschäftigten, die damit arbeiten sollen, läppert sich das ganz schön", sagt der Vertriebschef. Anders denken Unternehmen, die den Marktplatz bereits ausprobiert haben. "Das ist ein sehr vielversprechendes Werkzeug", sagt Dürr-Vorstand Klapper. "Wir denken, dass der Nutzen deutlich höher ist als die Kosten". Auch die KSB AG, ein Pumpenhersteller aus Frankenthal, sieht den Marktplatz nach ersten Pilotprojekten "äußerst positiv", wie Dieter Kosancic, E-Business-Fachmann von KSB, formuliert. "Der Motor wird der Leidensdruck sein", sagt Babcock-Einkäufer Jürgen Wolf. "Der Wettbewerb im Maschinen- und Anlagenbau ist dermaßen scharf, dass wir schneller, besser und fehlerfreier arbeiten müssen" - und genau dazu gebe das Internet die Möglichkeit. "Wer sich der Sache auf Dauer verschließt, wird mittel- bis langfristig vom Markt verschwinden."



Falls alle guten Argumente nicht überzeugen, hilft vielleicht der Druck aus den Konzernen. Denn die drei Anlagenbauer, die Ec4ec aus der Taufe gehoben haben, wollen in den nächsten Jahren große Teile ihrer Beschaffung ins Internet verlagern. Und Oliver Knura, Einkäufer bei Lurgi Oel Gas Chemie GmbH, deutete Zulieferern bereits an: "Bei der Auswahl von Lieferanten wird es künftig ein großer Pluspunkt sein, ob er den Marktplatz benutzt."

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