Der globalen Anti-Terror-Allianz mangelt es noch an Inhalten
Moskaus Wohlverhalten hat sich noch nicht ausgezahlt

Eigentlich sollte es in Schanghai um die drängenden Wirtschaftsprobleme im asiatisch-pazifischen Raum gehen, doch US-Präsident George W. Bush kehrte immer wieder zu seinem Hauptthema zurück. Ob in Debatten mit dem Chinesen Jiang Zemin oder dem Russen Wladimir Putin: "Wir fingen unsere Gespräche mit Handelsfragen an, doch nach kurzer Zeit landete Bush wieder bei der Terrorbekämpfung."

Was intimen Beobachtern des Apec-Gipfels auffiel, gilt auch für das Innenleben der USA. Das Land und seine Führung sind beherrscht vom Terror und seinen Folgen. Für anderes ist kaum noch Platz. Dabei wird es höchste Zeit, die Anti-Terror-Allianz mit Inhalten zu füllen - und dabei vor allem auf jenen Partner zu achten, der zu einem zentralen Stützpfeiler in der umkämpften Region geworden ist: Russland. Denn schon zeigen sich erste Risse in dem Bündnis, das vor wenigen Wochen noch niemand für möglich gehalten hätte. Die Nähe zu Washington bedeutet für Moskau eine radikale Wende seiner bisherigen Politik. Eine Wende, die Putin zu Hause verkaufen muss, und die mit konkreten Ergebnissen unterfüttert sein will. Doch genau daran hapert es. Wladimir Putins kritische Worte nach seinem Besuch in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe, als er mit Führern der Nordallianz zusammengetroffen war, zeugen von dieser Unzufriedenheit. Der Kurswechsel der USA, die auf Drängen Pakistans nun auch Bereitschaft zeigen, gemäßigte Taliban in eine künftige afghanische Regierung aufzunehmen, ist für Moskau nur schwer zu ertragen. Mit den Taliban hatte 1996 ein Teil jener Kräfte in Kabul die Macht übernommen, die in den 80er-Jahren die sowjetischen Besatzer bedingungslos bekämpft und ihnen schwere Verluste zugefügt hatten. Diese Opfer - 15 000 Gefallene - waren nicht zuletzt durch die amerikanische Unterstützung für die Mudschahedin, die erklärten Kriegsgegner Moskaus, erst möglich geworden. Im Spannungsfeld der Allianzpartner Pakistan und Russland wollen die USA nun dem pakistanischen Drängen nachgeben. Besonders aus Sicht russischer Militärs ist dies eine kaum verhüllte Demütigung. Verstärkt werden dadurch ohnehin vorhandene Befürchtungen, die USA könnten als Folge der Terroristenbekämpfung langfristig in Zentralasien Fuß fassen. Nach dem "Brückenkopf" Aserbaidschan, den die amerikanischen Öl- Multis bereits unter ihre Kontrolle gebracht haben, könnte eine neue Einflusszone, die von Süden über Afghanistan, Iran und Pakistan bis nach Turkmenistan reicht, vitale russische Energieinteressen berühren. Turkmenistan ist einer der wichtigsten Gaslieferanten der Region. Abhängig vom russischen Pipelinesystem, war es den Turkmenen bisher nicht möglich, jene Preise für ihr hochwertiges Gas zu erzielen, die auf westlichen Märkten gezahlt werden. Ein politisch befriedetes Afghanistan vorausgesetzt, würden sich auf einmal auch für ein wiederbelebtes "Great Game" völlig neue Perspektiven ergeben - allerdings auf Kosten Moskaus. Der amerikanische Schwenk zugunsten der gemäßigten Taliban trifft Putin in einem schwierigen Moment. Erst vor wenigen Tagen hatte der russische Präsident nach einer stürmisch verlaufenen Sitzung mit seinen Generälen die Schließung der Radarstation Lourdes auf Kuba durchgesetzt. Offiziell mit den hohen Pachtkosten von 200 Mill. $ jährlich begründet, war der Beschluss als weiteres Zeichen für eine Annäherung Moskaus an die USA gewertet worden. Hiervon unbeeindruckt, vollzog nahezu zeitgleich US-Außenminister Colin Powell die Wende in Islamabad. Doch Putin denkt über die heiße Phase der Terrorismusbekämpfung hinaus. Noch regiert er ein Land, das gute Wirtschaftsdaten vorweisen kann. Aber für die Zukunft trüben sich bereits die Aussichten ein. Von rund 8% BIP-Wachstum im Vorjahr wird Russland dieses Jahr nur noch 5,8% realisieren, die Auslandsinvestitionen liegen mit 5 Mrd. $ deutlich unter den Erwartungen, und sollte der Preis für ein Barrel Rohöl unter 17 $ fallen, könnten die Haushaltskalkulationen für das kommende Jahr kräftig ins Rutschen geraten. Insbesondere dann, wenn eine anhaltende Ölpreisschwäche mit dem Anstieg des Schuldendienstes in 2003 zusammentrifft. Und nicht zuletzt bekommt auch Russland durch die enger gewordene Verflechtung seines Handels mit dem Westen rezessive Kräfte deutlich zu spüren. In einer Kabinettssitzung zu Anfang der Woche warnte Putin seine Minister davor, diese Zeichen zu ignorieren und die Erfolge der letzten zwei Jahre aufs Spiel zu setzen. Eine erste Maßnahme wird voraussichtlich eine Reduzierung der russischen Ölproduktion sein, um einen Preisverfall zu verhindern. Doch gleich danach wird Putin auf westliches Entgegenkommen pochen - nachprüfbar an Investitionen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%