Der größte Sportler aller Zeiten: Muhammad Ali wird am Donnerstag 60

Der größte Sportler aller Zeiten
Muhammad Ali wird am Donnerstag 60

Man kann noch so viel spekulieren, warum Ali der Größte ist. Sein Stil? Diese Art, Boxen tanzend zu vollziehen, schnell und listig? Die Unbeugsamkeit? Unsereins ist einfach zufrieden, weil Muhammad Alis Leben kein Cinema war, sondern Leben ist.

BERLIN. Und dann ging das Licht an in Atlanta. Und er stand da im Spot. Etwas unbeholfen wirkte er, linkisch wie Dustin Hoffmann in "Rain Man", verlegen auch, aber er lächelte, als die Menschen im Stadion aufschrien. Die Hand, die die olympische Flamme hielt, zitterte, so wie der ganze Körper zitterte, weil er an der Parkinsonschen Krankheit leidet. Und wir im Deutschen Haus bei den Spielen 1996 zitterten auch, vielleicht weil diese Hollywood-Inszenierung keine Hollywood-Inszenierung war, sondern ein Märchen aus Fleisch und Blut, und so einem wohnt man nicht oft bei. Oh, was hätten wir gegeben, um mit Ali reden zu können, dem größten Sportler aller Zeiten.

Warum Muhammad Ali? Vielleicht, weil wir ihn von klein auf kannten, vielleicht, weil er uns erste Nächte im Schlafanzug vor dem Fernseher bescherte - etwa als er Sonny Liston 1964 in Miami Beach im WM-Kampf bis hin zur Aufgabe vermöbelte, vielleicht auch weil er boxte und Boxen in den aufstrebenden und angestellten Verhältnissen der westdeutschen sechziger Jahre so was von verpönt war. Ob wir Ali deshalb sehen wollten, weil die Eltern Boxen so schrecklich vulgär fanden?

Andererseits war es ja so, dass die Eltern Ali auch sehen wollten und sogar die Erlaubnis aussprachen, im Schlafanzug die Nacht vor dem Fernseher zu verbringen. Warum bloß? Ali selbst hat einem seiner Biographen einmal die Geschichte von einem Gespräch mit einer Zuschauerin erzählt, und Jan Philipp Reemtsma hat sie in seinem wunderbaren Buch "Mehr als ein Champion" noch einmal erzählt. Die Dame hatte zu Ali gesagt, sie werde auch zum nächsten Kampf kommen, immer wieder werde sie kommen, "bis man Sie einmal auf einer Bahre hinaustragen wird". Und Ali hatte gegengefragt: "Warum wollen Sie mich geschlagen sehen?" Und die Dame hatte ruhig geantwortet: "Weil Gott nicht immer das Böse gewinnen lassen kann."

Aber das wäre zu plump, dass ganze Völker sich den Wecker stellten, nur um zuzuschauen, wie irgendeiner dem Ali das Großmaul stopft. Nur weil er mal Cassius Clay geheißen hat und den Namen wechselte, um kein Negersklave mehr zu sein? Nur weil er den Kriegsdienst verweigerte, weil er persönlich keinen Ärger mit einem Vietcong hatte? Oder weil er seine Goldmedaille in den Mississippi warf, nachdem er vor einem Restaurant auf Grund seiner Hautfarbe abgewiesen worden war?

Kurz vor Atlanta hatten wir das Glück, George Foreman zu treffen. Er erzählte von Kinshasa. Kinshasa! Wir hatten Kinshasa am 30. Oktober 1974 in einer kleinen Mansarde erlebt, mit ein paar Freunden vor einem Fernseher mit Zimmerantenne und flackerndem Bild. Wir hielten zu Ali in dieser Nacht. Vielleicht weil er keine Chance hatte mit seinen 32 Jahren gegen Foreman, der damals 24 war und alles umgehauen hatte, was ihm in die Quere gekommen war.

Was haben wir gelitten mit Ali. Foreman drosch auf ihn ein. Der Schriftsteller Norman Mailer sah "in diesem Moment das erste Mal Angst in Alis Augen, ich bin sicher, er blickte seinem Schöpfer ins Gesicht". Mag sein, so genau war das im flackerndem Licht der Mansarde nicht zu erkennen. Aber zu sehen war, dass Ali aufstand in Runde acht, dass er noch einmal tanzte und Foreman niedermähte mit mächtigen Schlägen. Und der Jubel der Afrikaner, der war gut zu hören in der Mansarde in Deutschland. "Ich war der Onkel Tom", erzählte Foreman zwanzig Jahre später bei unserem Treffen, "der brave Nigger, der Massa sagt und die Stars and Stripes durch den Ring schwingt."

Man kann noch so viel spekulieren, warum Ali der Größte ist. Sein Stil? Diese Art, Boxen tanzend zu vollziehen, schnell und listig? Die Unbeugsamkeit? Die Unangepasstheit? Der Witz? Die Selbstironie? Manila, die Schlacht gegen Joe Frazier? Was immer jeder für sich für Erinnerungen behalten hat. Unsereins ist einfach zufrieden, weil Muhammad Alis Leben kein Cinema war, sondern Leben ist. Am Donnerstag wird Muhammad Ali 60. Herzlichen Glückwunsch und Danke, dass wir dem größten Sportler aller Zeiten zusehen durften und dürfen.

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