Der Gründer und Aufsichtsratschef der IDS Scheer AG wird am Freitag 60 Jahre alt
August-Wilhelm Scheer: Der Wanderer zwischen den Welten

Er gilt als Paradebeispiel für den Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft: Mit der Neue-Markt-Firma IDS Scheer AG gründete August-Wilhelm Scheer eines der erfolgreichsten jungen deutschen Dienstleistungs- und Softwareunternehmen.

Wenn ein Wohnhaus den Charakter seines Besitzers widerspiegeln soll, hat August-Wilhelm Scheer mit seinem Architekten gute Arbeit geleistet: Mehrere Quader, auf- und nebeneinander geschichtet, bilden trotz ihrer unterschiedlichen Größe ein harmonisches Gebäude. Das Interieur seines Hauses ist sachlich, modern und auf das Wesentliche beschränkt.

Auch der Hausherr hat viele Facetten: Professor für Wirtschaftsinformatik, Unternehmensgründer, Aufsichtsrat, Politikberater, Buchautor und Saxofonist. Die auf den ersten Blick schwer zu verbindenden Aktivitäten fügen sich in seiner Person wie logisch zusammen. Scheer ist Überzeugungstäter. Ob als Aufsichtsrat oder Jazzer, er macht alles mit Leidenschaft und vollem Einsatz.

Und diesen verlangt er auch seinen engsten Mitarbeitern ab: Erreichbarkeit rund um die Uhr, Wochenenden eingeschlossen. Das Lebensmodell des Wirtschaftsprofessors, der mit einer Stiftung einen Jazz-Lehrstuhl in Saarbrücken unterstützen will, sieht keine Trennung von Arbeit und Freizeit, keine Trennung von Theorie und Praxis vor. "Ich versuche, ein ausgeglichenes Leben zu führen", nennt er das, was für andere höchste Anstrengung bedeutet.

Dass nicht jeder seine Auffassung von Leben teilt, hat Scheer oft genug - auch in seinem Privatleben - erfahren. Als er 1984 die IDS Prof. Scheer GmbH gründete, den Vorläufer der heute am Neuen Markt notierten IDS Scheer AG mit mittlerweile 1 500 Mitarbeitern und einem geplanten Jahresumsatz von mehr als 160 Millionen Euro, stieß er auf Widerstand. Besonders aus dem Professorenkreis hagelte es Kritik an dem umtriebigen Konkurrenten. Scheer, der weder einer Partei noch Vereinen angehört - "Solche Netzwerke engen mich ein" -, trug mit seinen Ausführungen über die ineffiziente deutsche Universitätsstruktur nicht gerade zur Schlichtung bei.

Und auch heute noch schwingt Emotionalität mit, wenn er Sätze sagt wie "Die schlechtesten Professoren sind die fiesesten Prüfer" oder "Forschungsinstitute in Deutschland werfen noch immer zu viel Geld aus dem Fenster und produzieren zu wenig verwendbaren Output".

Klare Worte scheut der Sohn eines Versicherungskaufmanns und einer Handwerksmeisterin, der am Freitag 60 Jahre alt wird, nicht: Keine umständlichen, wissenschaftlichen Formulierungen, sondern klare Aussagen. Diese können auch hart sein und sogar ungerecht. Seine Ungeduld lässt den Professor zuweilen aufbrausen. Sie ist aber auch Quelle seiner Schaffenskraft und Begeisterung, die seine Umgebung immer wieder mitreißt.

Statt sich larmoyant über Standortnachteile zu beklagen, geht er die Probleme an und löst sie. Im wirtschaftlich schwachen Saarland folgten der IDS, deren Großaktionär und "aktiver Aufsichtsratschef" er ist, weitere Ausgründungen aus seinem Institut.

Die Fäden für alle Firmen laufen bei ihm zusammen. Nicht das operative Geschäft ist seine Passion. Er will lieber Signale frühzeitig erkennen, Ideengeber sein und die Resultate kontrollieren: "Ich kämpfe aus der zweiten Reihe. Sollen sich doch die Stürmer ruhig müde laufen, währenddessen kann ich sie beobachten, ihre Stärken und Schwächen erfahren und dann noch immer aus der zweiten Reihe die Tore schießen", schreibt er in seinem Buch "Unternehmen gründen ist nicht schwer".

Schaltzentrale dieses Spiels ist in seinem Privathaus ein Raum, der von der sonst herrschenden Nüchternheit abweicht. "Beherrschbares Chaos" breitet sich auf dem Schreibtisch aus, der eingerahmt wird von Vitrinen mit Bronzen und Holzmodellen aus Ägypten und einer Vielzahl verschiedener Saxofone. Hinter dem Arbeitsplatz hängt die Abbildung des von Scheer handgezeichneten Datenmodells eines Industriebetriebes: ein Labyrinth aus unzähligen Kästchen und verschlungenen Linien. Es bildet die theoretische Basis dessen, was Scheer in seinen Unternehmen umsetzt.

Strukturen herauszuarbeiten ist Scheer ein Anliegen, "komplizierte Dinge einfach zu erklären" erhebt er zur Kunst. Vielleicht ist August-Wilhelm Scheer auch deshalb ein begeisterter Jazz-Saxofonist. Er studiert immer wieder Improvisationen, um die Regeln des vermeintlich freien Spiels zu erkennen. Jazz, so der Eindruck, ist für ihn wie Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ein System, das er mit Leidenschaft erkundet - mit der gleichen Leidenschaft wie alles andere, was ihm wichtig ist.

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