Der Gründer von Tiscali will T-Online vom Thron stoßen
Renato Soru: Ein schüchterner Rebell will ganz nach oben

Sein Lebenslauf liest sich wie ein Roman, in Italien ist er eine Kultfigur der New Economy. Innerhalb von drei Jahren hat Soru, Sohn eines sardischen Lebensmittelhändlers, aus einer kleinen Klitsche den zweitgrößten Internet-Service-Provider Europas gemacht.

Endlich kommt der Mann in Fahrt. "Internet ist", schwärmt er, "als säßen wir gemeinsam an einem Tisch." Wild gestikuliert er mit einem Aktenordner. "Hier, ich zeige dir den Chart, du schreibst einen Kommentar rein, wir diskutieren darüber. Das ist Internet, das ist total neu, das gab es früher nicht!"

Es ist schwer, Renato Soru, den Gründer und Chef der italienischen Internetfirma Tiscali, aus der Reserve zu locken. Auf den ersten Blick wirkt der 43-Jährige äußerst zurückhaltend, ja schüchtern, sogar ein bisschen linkisch. Kaum vorstellbar, wie dieser Mann innerhalb von nur drei Jahren aus einer Klitsche mit Sitz auf der schönen, aber keineswegs als High-Tech- Hochburg bekannten Mittelmeerinsel Sardinien den zweitgrößten europäischen Internet-Service-Provider gemacht hat. "Internet-Communication-Company", verbessert Soru, "denn wir bieten viel mehr als nur den Zugang zum Netz. Bei uns verschmilzt Telekommunikation mit Internet."

Es sind Aussagen wie diese, die den hochaufgeschossenen Soru in Italien zu einer Kultfigur der New Economy werden ließen. Zeitungen haben aus ihm eine Art Popstar gemacht. Kein Wunder: Sein Lebenslauf liest sich wie ein Roman. Geboren als Sohn eines sardischen Lebensmittelhändlers, zieht Soru als junger Mann zunächst von Cagliari nach Mailand, wo er an der Eliteuniversität Bocconi studiert. Später gründet er die erste Internetfirma Tschechiens.

Tiscali überflügelte sogar den Fiat-Konzern

Getrieben von der Kälte in Prag und von Heimweh, kehrt der Vater von vier Kindern 1997 nach Sardinien zurück. Hätte er dort nicht den wichtigsten Risikokapitalgeber Italiens, Elserino Piol, von seinen Plänen überzeugt, wäre Tiscali wohl schon frühzeitig als Rohrkrepierer geendet und hätte sich nicht zum großen Herausforderer von T-Online und AOL aufgeschwungen. Piol machte Mitte 1998 zwei Millionen Euro locker und erwarb einen Anteil von 10 Prozent an dem Startup. Obwohl die Investition dem alten Hasen schlaflose Nächte bereitete, sollte sie sich als seine beste erweisen. Auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase im vergangenen Frühjahr war Tiscali mit 19 Milliarden Euro an der Börse doppelt so hoch bewertet wie der altehrwürdige Fiat-Konzern. Heute sind es zwar nur noch fünf Milliarden Euro, Tiscali bleibt aber das führende Unternehmen am Nuovo Mercato, dem Neuen Markt der Mailänder Börse. Als "Rückkehr zur Normalität" bezeichnet Soru diese Entwicklung.

Was sind Sorus Stärken? "Er wirkt langsam, ist aber schnell, er scheint zurückhaltend, geht aber hohe Risiken ein, er macht einen harmlosen Eindruck, geht aber keinem Konflikt aus dem Wege und vor allem: Er weiß, was er tut", sagt ein Analyst, der ihn seit langem beobachtet.

So hat Soru in diesem Jahr wie ein Adler zugestoßen, von der Konsolidierung der Branche profitiert und in Frankreich, Deutschland, England und Italien gleich fünf Akquisitionen unter Dach und Fach gebracht. Als Tiscali im vergangenen Herbst in einen Liquiditätsengpass hineinschlitterte, übernahm Soru kurzerhand World Online, einen Provider aus Holland, der nach seinem Börsengang noch 1,6 Milliarden Euro in der Kasse hatte. "Wachse oder stirb!" - wohl nie zuvor erlangte Sorus bekanntestes Motto einen so großen Wahrheitsgehalt.

Soru kennt seine Grenzen

Größenwahn? "Das wichtigste Ziel ist heute, profitabel zu werden", will Soru jeden Verdacht einer unkontrollierten Expansion ausräumen. Zwar bleibe AOL sein großes Vorbild; nach Amerika oder Asien werde Tiscali aber nicht gehen. "Wir sind doch nicht verrückt, wir kennen doch unsere Grenzen!"

Der Mann, der von sich sagt, seine Nationalität sei sardisch, ist seiner Heimat ungeachtet seiner internationalen Expansion immer noch tief verbunden. Deutlich wird dies bei der Frage, wo Tiscali angesichts der Präsenz in 16 Ländern und einer brandneuen Zentrale in Mailand heute eigentlich zu Hause ist? "Wir sind in Cagliari!" Die Antwort kommt zu prompt. Nachdenklich, ein bisschen wehmütig schaut er in die Runde. Sein Blick trifft Finanzchef Massimo Cristofori.

"Der italienische Teil von Tiscali ist in Cagliari" sagt Soru leise. "Mein Herz ist in Cagliari..."

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