Der Gründerboom beflügelt Europas Wirtschaft
Die Jobmaschine auf dem alten Kontinent läuft an

Die digitale Revolution des Internets hat Europa erfasst. Experten prophezeien einen dramatischen Wandel der Arbeitswelt. Die Gewerkschaften müssen umdenken oder werden untergehen.

Veraltete Industrien, erstarrte Institutionen. Für die Pioniere der amerikanischen New Economy galt Deutschland lange als das Land, in dem es außer auf der Autobahn überall Geschwindigkeitsbeschränkungen gibt. Europas größte Wirtschaftsmacht war zum Sinnbild eines blockierten Kontinents geworden, den die digitale Revolution des Internets in eine Art Schocklähmung versetzt hatte. Die selbstzufriedenen Stars des amerikanischen Jobwunders müssen umdenken. Die alte Welt befindet sich in rasantem Aufbruch. Überall in Europa entstehen innovative Unternehmen in den Zukunftsbranchen der Online-Ökonomie. Gespeist vom Kapital einer nie gekannten Börseneuphorie wachsen sie buchstäblich im Wochentakt. Und bringen neue Arbeitsplätze.

Einer Studie der Initiative "Growth Plus" zufolge haben in den vergangenen fünf Jahren allein 500 junge Firmen in Europa die riesige Zahl von 227 300 Jobs geschaffen. Die neue Arbeitswelt unterscheidet sich dramatisch von dem rundum abgesicherten Erwerbsleben der industriell geprägten Nachkriegsgeneration. Hohes Risiko ist Teil des unternehmerischen Wagemuts, der zurzeit in Europa erwacht. "Wenn du alles unter Kontrolle hast, dann bist du wahrscheinlich zu langsam", lautet der Wahlspruch des 30-jährigen Erfolgsunternehmers Stephan Schambach. Seine Software-Firma Intershop hat Schambach damit binnen vier Jahren von einer 20-Mann-Bude zum international tätigen Börsenliebling mit mehr als 700 Mitarbeitern gemacht. Nächstes Jahr soll die Zahl der Beschäftigten auf 1300 wachsen.

Behäbige Konzerne werden schlanker

Intershop produziert Programme für den elektronischen Handel im Internet. Das Unternehmen aus der ostdeutschen Kleinstadt Jena ist auf einem der sich am schnellsten wandelnden Märkte der Welt vorne mit dabei. Doch auch erste Adressen der Old Economy wie der deutsche Elektrokonzern Siemens oder der spanische Telekomriese Telefónica sind plötzlich wieder schlank, schnell und hoch innovativ.

Eine neue Zuversicht hat den alten Kontinent erfasst. Niemand stellt mehr die Frage nach dem Ende der Arbeit, bis vor kurzem noch das Lieblingsthema düsterer Zukunftskongresse. Erfolgsgeschichten wie Intershop geben den Optimisten Recht, die glauben, dass eine neue Dienstleistungsökonomie am Ende sogar für Vollbeschäftigung sorgen wird, trotz des beschleunigten Stellenabbaus in der Industrie. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) prognostiziert in seiner Studie "Arbeitslandschaft 2010" allein für Deutschland 500 000 zusätzliche Jobs.

Hinter dieser Zahl verbirgt sich ein dramatischer Strukturwandel. Bis Ende des Jahrzehnts werden rund 2,5 Millionen produktionsorientierte Arbeitsplätze verloren gehen. Dafür entstehen allein in den Tätigkeiten Beratung, Planung, Werbung und Medien 1,4 Millionen neue Stellen. Insgesamt 3 Millionen neue Dienstleistungsjobs steigern deren Anteil an der Gesamtbeschäftigung auf fast 70%.

Dass die technische Revolution durch Telekommunikation und Internet eine Jobmaschine ist, zeigt das Beispiel Schweden. Mehr als jedes andere Land in Europa hat der einst alle Risiken absichernde Wohlfahrtsstaat dem digitalen Fortschritt die Tür geöffnet. Gemessen an der Bevölkerung investieren die Schweden das meiste Geld in die Informationstechnologien. Sie haben die meisten Internetanschlüsse. In schwedischen Wohnzimmern ist der Computer fast so selbstverständlich wie der Fernseher. Dieser radikale Schwenk zur New Economy half dem einst industriedominierten Land, die schwerste Rezession der Nachkriegszeit zu überstehen. In nur drei Jahren seit 1997 wurde die Arbeitslosenquote nahezu halbiert, mit heute 5% ist Schweden im europäischen Vergleich eine Beschäftigungslokomotive. Für Frieder Meyer-Krahmer, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe, ist denn auch erwiesen, dass die Förderung moderner Technologien zusätzliche Arbeitsplätze schafft. Gerade radikale Innovationen wie in der Informations- und Biotechnologie würden "besonders große Möglichkeiten in Bezug auf eine erhöhte Nachfrage nach Arbeitskraft verkörpern", schreibt der Wissenschaftler in einer unlängst veröffentlichten Studie.

Rekordabbau der Arbeitslosigkeit in Spanien

Doch Innovationen allein reichen nicht aus, um die Zahl von 14,6 Millionen Arbeitslosen in der Europäischen Union (EU) deutlich zu verringern, mahnt Meyer-Krahmer. Hinzukommen müssten Reformen der Geld-, Finanz- und Sozialpolitik. Nur dann werde die Wachstumsphase so lange andauern, dass ein echtes Jobwunder gelingen könne.

Die Voraussetzungen dazu sind so gut wie lange nicht mehr. Nach einer Dekade der Tatenlosigkeit beginnen Europas Regierungen, ihre Haushaltsdefizite abzubauen, die Sozialsysteme effizienter zu machen und den Unternehmen mehr Freiheiten zu gönnen. Vier Millionen neue Jobs erwarten Ökonomen in den nächsten drei Jahren für die EU. Schon jetzt zeigen sich die ersten Erfolge. Spanien, lange Zeit Europas Schlusslicht, verzeichnete im Mai die niedrigste Arbeitslosenquote seit 20 Jahren. Das Arbeitsleben in dieser verheißungsvollen New Economy wird freilich riskanter und unruhiger sein. Aber auch ab- wechslungsreicher und für manchen finanziell lukrativer. Der lebenslange Job beim selben Unternehmen, geregelte acht Stunden täglich, ist ein Relikt des vergehenden Industriezeitalters. Die Wissensökonomie des 21. Jahrhunderts dagegen verlangt nach Eigenverantwortlichkeit. Jeder muss selbst darauf achten, dass er durch Jobwechsel und permanente Weiterbildung seinen Wert auf einem schnelllebigen Arbeitsmarkt erhält.

Gewerkschaften verlieren Mitglieder

Am wenigsten auf diesen Wandel vorbereitet sind die Gewerkschaften. Sie sind mit der alten Industrie groß geworden. Jetzt klammern sie sich an deren untergehende Arbeitsweise, bieten Einheitslösungen für einen Normwerktätigen, den es immer seltener gibt. Das hat sie besonders für viele jüngere Beschäftigte uninteressant gemacht. In allen Ländern Europas verlieren sie Mitglieder - und damit Einfluss. In Deutschland, wo ihre Gefolgschaft noch immer am größten ist, haben sie heute noch 8,5 Millionen Mitglieder - 2,32 Millionen weniger als vor sechs Jahren.

In den Zukunftsbranchen der Informations- und Kommunikationstechnologie, in neuen Medien und Software-Firmen sind Gewerkschaften so gut wie nicht vertreten. Von den 50 größten Unternehmen der deutschen Wachstumsbörse Neuer Markt (Nemax 50) haben nur neun einen Betriebsrat, das gesetzlich vorgeschriebene Organ zur Interessenvertretung der Arbeitnehmer.

Der Arbeitsalltag in den jungen Firmen der New Economy entspricht eher dem eines Selbstständigen als dem eines Angestellten. Wechselnde Arbeitszeiten, 60-Stunden-Wochen und erfolgsabhängige Vergütung sind vielerorts üblich. Oft sind die Mitarbeiter am Unternehmen beteiligt. So bieten 88% der im Nemax 50 gelisteten jungen Wachstumsfirmen ihren Beschäftigten Belegschaftsaktien, Wandelanleihen oder Optionsprogramme an. Der Gegensatz von Arbeit und Kapital, die Glaubenslehre der Gewerkschaften, hebt sich auf. Allmählich begreifen die Arbeitnehmerorganisationen die Anforderungen dieser neuen Arbeitswelt. In Deutschland wollen sie sich nun erstmals für die Beteiligung der Arbeitnehmer an Aktien und Produktivkapital einsetzen, etwa als zusätzliche Altersvorsorge.

Doch der Weg zu den anders gestrickten, flexibleren Tarifverträgen ist steinig. Als der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Dieter Schulte, vergangenen Monat "auch mal" eine 50-Stunden-Woche zulassen wollte, brandete ihm die geballte Wut der dogmatischen Arbeitszeitverkürzer entgegen. Dabei hatte er nur das ausgesprochen, was in der Online-Wirtschaft längst Alltag ist.

Ungelernte am häufigsten arbeitslos

Auch in der New Economy gibt es genug für die Gewerkschaften zu tun. Beispiel Aus- und Weiterbildung. Die Arbeitsmarktforscher des IAB gehen davon aus, dass der Anteil hoch qualifizierter Jobs in Deutschland bis 2010 von 35% auf 40% steigt. Weil das Wissen der neuen Generation von Computerarbeitern binnen weniger Jahre veraltet, brauchen sie verbriefte Ansprüche auf Weiterbildung gegenüber ihrem Arbeitgeber. Die Verlierer der Wissensökonomie werden die Geringqualifizierten sein.

Prognosen zufolge werden bis 2010 allein in Deutschland 1,5 Millionen einfache Arbeitsplätze verloren gehen. In Großbritannien, so hat die Unternehmensberatung Booz Allen & Hamilton ermittelt, werden in drei Jahren 20 Millionen Menschen aus der Wissensgesellschaft ausgeschlossen sein. So wie die Gewerkschaften im 20. Jahrhundert für gerechten Lohn gekämpft haben, so muss ihr Einsatz im 21. Jahrhundert dem Kampf um die gleichen Bildungschancen gelten.

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