Der hagere, große Schwede überrascht immer wieder
Lars Göran Josefsson: Vattenfalls Stratege

Der Chef des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall hat sein Ziel erreicht: Er wird einen großen Nordost-Versorger in Deutschland aufbauen.

STOCKHOLM. Kühl im Kopf, klar in seiner Strategie, ein Mann also, der weiß, wo es langgeht. Diesen Eindruck will Lars Göran Josefsson, wo immer möglich, erwecken. Oft gelingt es ihm nicht: Zu stark tritt er dann in seiner Rolle als Chef des vollstaatlichen, etwas tristen schwedischen Energieversorgers Vattenfall auf. Und da wird es schwierig, den Amtsstubenmief und die Bleistiftspitzer hinter sich zu lassen.

Doch aufgepasst: Wenn es darauf ankommt, kann Josefsson schon punkten. Der Jagdinstinkt des Hobby-Waidmanns verlässt ihn nicht so leicht. So wie Anfang der Woche, als er - ein wenig überraschend - doch die seit langem angestrebte Übernahme der Anteile des US-Konzerns Mirant an der Berliner Bewag bekannt geben konnte.

Josefssons Vision, die Bildung eines großen Energieunternehmens in Deutschland, hat deutliche Konturen bekommen. Mit der Integration der Bewag in den Nordost-Verbund entsteht hier zu Lande der drittgrößte Energiekonzern - oder die "Neue Kraft", wie der Arbeitsname des Konzerns lautet.

Nein, er ist kein Monsieur 100 000 Volt. Und doch überrascht der hagere, große Schwede immer wieder. Als er im Frühsommer vergangenen Jahres die Leitung des Staatskonzerns übernahm, skizzierte er die Strategie: "Wir wollen einer der Großen auf dem europäischen Strommarkt werden." Das waren neue Töne vom Chef eines eher im Verborgenen tätigen Stromriesen.

Den markigen Worten folgten schnell Taten: Der Einstieg bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken (HEW), der Laubag und der Veag - Schlag auf Schlag machte der Manager Ernst aus seiner Vision. Vattenfall, ein nahezu unbeschriebenes Blatt in Deutschland, war plötzlich ein Player, mit dem man rechnen musste.

Dennoch fehlte Josefsson das wichtigste Puzzle-Stückchen: der Mirant - Anteil an der Bewag. Die Amerikaner wollten nicht verkaufen. Lange Zeit sah es so aus, als müsste sich Vattenfall mit einer Light-Version seiner "Neuen Kraft" begnügen. Aber der unscheinbare Schwede kam nach langen Verhandlungen doch noch ans Ziel.

Billig wird das Geschäft nicht: 1,63 Milliarden Dollar sind auch für den Staatskonzern kein Pappenstiel. Doch Josefsson hat einen guten Draht zur Stockholmer Regierungskanzlei. Dort ist er sicherlich, wie schon oft, unangemeldet aufgetaucht und hat sich einen Blankoscheck für das Deutschland- Abenteuer ausstellen lassen.

Aber mit einer Nettoverschuldung von rund 90 Milliarden Kronen (9,5 Milliarden Euro) ist die Abfahrtspiste für den passionierten Skifahrer sehr steil geworden. "Die Finanzierung des Bewag-Kaufs wird über Kredite und Eigenmittel erfolgen", beruhigt Josefsson kritische Frager und wechselt dann schnell das Thema.

Selbstdarstellung gehört nicht zu seinem Metier. Der Ingenieur meidet, so oft es geht, die Öffentlichkeit. Kein Wunder, wenn ihn in Schweden kaum jemand kennt. Und selbst in der Konzernzentrale in Stockholm gilt der 51-Jährige nicht als Mann der großen Worte. Das war schon immer so. Wie die meisten schwedischen Spitzenmanager stammt Josefsson aus der Kaderschmiede des Telekomriesen Ericsson. Dort stieg er in 24 Jahren zum Chef der österreichischen Tochter auf.

Als Boss der schwedischen Rüstungsschmiede Celsius und deren U-Boot- Tochter Kockums musste er jedoch Tiefschläge einstecken: Kockums wurde an die deutsche HDW verkauft, und Celsius landete bei Saab. Das war nicht unbedingt der Plan des Herrn Josefsson, der Schweden eine eigene Rüstungsindustrie erhalten wollte.

Nach der Niederlage kam er als Vattenfall-Chef zurück. Nun muss er seinen Landsleuten erklären, warum der Deal in Deutschland so wichtig für die schwedischen Kunden des Stromkonzerns ist. Die Mitarbeiter sind überzeugt, dass "Lars G", wie sie ihn nennen, "die Kurve schon kriegen wird".

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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