Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator sinkt auf 2,5 % – Wachstumsdelle kann in diesem Jahr wohl nicht überwunden werden
Konjunktur im Euro-Raum bleibt labil

Die Konjunkturschwäche in der Euro-Zone hält an. Auch für das dritte Quartal deutet der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eine weitere Wachstumsabflachung an. Hierfür ist das erneut schlechtere Geschäftsklima in der Industrie maßgeblich. Die monetären Rahmenbedingungen haben sich jedoch entspannt.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator setzt seinen im August vergangenen Jahres eingeschlagenen Abwärtskurs weiter fort. Im Mai gab er mit 2,5 % nochmals um 0,2 Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat nach. Die in den Indikator eingehenden Einzelwerte entwickelten sich allerdings zuletzt durchaus unterschiedlich. Während die monetären Daten eine leichte Entspannung im Euro-Raum signalisieren und das Verbrauchervertrauen unverändert robust ist, hat sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen weiter eingetrübt. Nach der jüngsten Indikatorentwicklung muss damit gerechnet werden, dass sich die Konjunkturschwäche mindestens noch bis ins dritte Quartal hinzieht.

Tabellen und Grafiken

Zum vierten Mal in Folge hat im April das von der EU-Kommission ermittelte Industrievertrauen nachgegeben. Mit einem Rückgang von-1 im Vormonat auf nunmehr-4 Punkte hat sich die Talfahrt gegenüber den vorangegangenen Monaten sogar beschleunigt. Ausschlaggebend dafür waren pessimistischere Produktionserwartungen bei gleichzeitig höheren Lagerbeständen. Das überdurchschnittlich starke Nachlassen des Industrievertrauens in Deutschland schlug dabei besonders zu Buche. Auch die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe hat ihren Höhepunkt inzwischen überschritten. Mit 83,7 % lag sie im zweiten Quartal erstmals wieder niedriger als im vorangegangen Vierteljahr (84,4 %).

Das Verbrauchervertrauen im Euro-Raum ist dagegen nach wie vor robust. Im April blieb es ebenso wie in den beiden Vormonaten mit-2 Punkten auf vergleichsweise hohem Niveau. Der langjährige Durchschnitt dieser Kennziffer von-13 Punkten wird weiterhin deutlich überschritten. Zwar sahen die Konsumenten die aktuelle ökonomische Situation zuletzt wieder etwas kritischer, blieben aber für die kommenden 12 Monate gleichwohl optimistisch. Insbesondere werden die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt deutlich günstiger eingeschätzt als noch vor einem halben Jahr.

Positive Grundstimmung als wichtiger Konjunkturstabilisator ?

Die positive Grundstimmung der Verbraucher könnte sich in den kommenden Monaten als wichtiger Konjunkturstabilisator erweisen. Jedenfalls hat sich die Stimmung im Einzelhandel im April wieder deutlich erholt, nachdem sie im März noch einen herben Rückschlag hatte hinnehmen müssen. Auch im ebenfalls konsumnahen Dienstleistungssektor hat sich das ohnehin recht positive Geschäftsklima zuletzt nochmals verbessert. Ob diese positiven Tendenzen von Dauer sind und ob sie vor allem ausreichen werden, um die nachlassende Dynamik der Nachfrage im industriellen Sektor auszugleichen, bleibt allerdings abzuwarten.

Die tatsächliche Lage der Industriekonjunktur lässt sich derzeit schwer abschätzen, zumal die harten Produktionszahlen für den EuroRaum nur mit langer Zeitverzögerung zur Verfügung stehen und zur Zeit nur bis zum Februar reichen. Vor allem schwanken die monatlichen Produktionszahlen trotz Saisonbereinigung derzeit sehr stark. Zuletzt hat sich die Produktion wieder leicht um 0,4 % gegenüber Januar erholt. Aussagekräftiger als einzelne Monatswerte ist der über mehrere Monate geglättete Wachstumstrend der Industrieproduktion, der in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingeht. Er liegt derzeit relativ stabil bei knapp 0,5 % pro Monat und damit nur wenig niedriger als vor Jahresfrist (0,6 %).

Die monetäre Situation im Euro-Raum hat sich bereits vor der Leitzinssenkung von vergangenem Donnerstag etwas entspannt. Die Inflationsrate betrug im März ebenso wie im Februar 2,6 % und blieb damit während der letzten vier Monate auf praktisch unverändertem Niveau. Gleichzeitig ist die Geldmenge im Vorjahresvergleich wieder etwas stärker gestiegen. In der Geldmengenabgrenzung M2, die im Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator verwendet wird, stieg die Zuwachsrate von 2,8 % im Februar auf 3,2 % an, in der Abgrenzung M3 kletterte die Zuwachsrate von 4,7 % auf 5 % im März (vorläufige Zahlen). Saisonbereinigt ergab sich allerdings in beiden Abgrenzungen eine Abflachung des Geldmengenwachstums gegenüber dem Monat zuvor. Jedenfalls scheint aber Liquidität an den Finanzmärkten derzeit nicht besonders knapp zu sein, denn die kurzfristigen Zinsen blieben auch im April weiter auf dem Rückzug.

Renditen festverzinslicher Wertpapiere wieder leicht erhöht

Dagegen haben sich die Renditen festverzinslicher Wertpapiere zuletzt wieder leicht erhöht. Dies war im Wesentlichen auf das international gestiegene Niveau der Kapitalmarktzinsen zurückzuführen, wie die Europäische Zentralbank in ihrem Monatsbericht für April erläutert. Wenngleich für April noch keine endgültigen Zahlen vorliegen, dürfte sich die in den Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator eingehende Zinsdifferenz damit leicht von 0,2 auf 0,3 Prozentpunkte erhöht haben, was konjunkturell ein tendenziell positives Signal ist.

Insgesamt hielten sich positive und negative Konjunkturdaten im Euro-Raum zuletzt etwa die Waage. Eine beschleunigte Talfahrt der Euro-Konjunktur zeichnet sich aus heutiger Sicht nicht ab. Es ist allerdings inzwischen fraglich geworden, ob die Konjunkturdelle noch im laufenden Jahr wieder überwunden werden kann. Folgt man dem Verlauf des Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikators, so ist zumindest bis zum dritten Quartal mit einem Abflachen des Wachstumspfades auf dann etwa 2,6 % (nach 3,3 % und 2,9 % in den beiden Vorquartalen) zu rechnen. Dies können naturgemäß keine punktgenauen Prognosen sein. Gleichwohl stützt der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator derzeit eher die skeptische Prognose des IWF von 2,4 % Wachstum im laufenden Jahr als die noch immer bei 2,8 % liegende Prognose der EU-Kommission.

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