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Der HDI-Chef baut den Konzern um

Der Versicherer hat einiges vor und möchte einen großen Konkurrenten übernehmen.

HANNOVER. Der HDI Haftpflichtverband der Deutschen Industrie V.a.G. gibt sich eine neue Struktur, bei der wesentliche Bereiche des Geschäfts auf Tochtergesellschaften übertragen werden. Die Hauptversammlung der Gesellschaft soll dies am 16. Juli beschließen und derart den Schlussstrich unter den zehnjährigen Umbau des Konzerns ziehen - vom reinen Industrieversicherer zum breit aufgestellten Versicherungskonzern. Damit entfernt sich der HDI, der vor 100 Jahren von der Eisen- und Stahlindustrie gegründet worden ist, von seinen Wurzeln: Die Industrie muss sich ihren Einfluss künftig mit Aktionären teilen. Denn den Gang an die Börsen hat der Konzern, der als Aktiengesellschaft unter dem Namen Talanx auftritt, schon fest im Blick.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat die Umstrukturierung des Konzerns, der mit einem Umsatz von 14 Mrd. ¤ zu den großen deutschen Versicherern gehört, bereits abgesegnet. Zeitgleich mit der Hauptversammlung gibt HDI-Chef Wolf Dieter Baumgartl den Vorsitz in den operativen HDI-Gesellschaften ab. "Ich konzentriere mich künftig auf die Konzernlenkung", sagt er in ei-nem Gespräch mit dem Handelsblatt. Dazu behält er den Vorsitz in der Zwischenholding Talanx und in der Obergesellschaft HDI V.a.G.

Die Details des Konzernumbaus sind raffiniert ausgetüftelt (s. Grafik). Der traditionsreiche Versicherungsverein (V.a.G.) bleibt zwar formal an der Spitze. Doch sein Innenleben geht nahezu komplett auf neue Töchter über: Das Geschäft auf die HDI Industrie AG und einige Stabsabteilungen auf die HDI Service AG. Die Übertragungen sollen rückwirkend zum Jahresanfang erfolgen. Gesteuert wird das Geschäft von der Zwischenholding Talanx, die an die Börse gehen soll.

Der Trick mit der Aktiengesellschaft als eigentlicher Holding unterhalb der Obergesellschaft ist für große Versicherungsvereine nicht neu. Die Gothaer war eine der ersten, die diese Struktur gewählt hat. Ein Versicherungsverein ist praktisch eine genossenschaftliche Konstruktion, was die Aufnahme von Aktienkapital unmöglich macht - er gehört im Prinzip seinen Kunden. Verlören die Kunden ihre Eigentumsrechte, müssten sie dafür entschädigt werden. Also bleibt offiziell alles beim Alten. "Von jedem Industrieversicherungsvertrag zeichnet der Verein ein Promille", sagt Baumgartl. Die Industriekunden sind also weiterhin Mitglied und Eigentümer, wie das Vereinsrecht vorschreibt. Vertreter der Industrie haben Bedenken dagegen geäußert und ein Gutachten anfertigen lassen. Doch die Konstruktion ist offenbar wasserdicht: "Es führte zu keiner Handhabe", verlautet aus Kreisen der Industriekundschaft.

Der Verein, dem künftig neben Baumgartl noch Finanzvorstand Herbert Haas und sein Industrie-Kollege Christian Hinsch angehören werden, erstellt weiterhin einen Konzernabschluss. Doch faktisch zählt die Bilanz der Talanx. "Der Verein tritt quasi hinter den Vorhang", resümiert Baumgartl. Auf der Bilanz-Pressekonferenz am 22. Juli wird Baumgartl den Vorhang herunterlassen: "Sie beginnt als Bilanz-PK des HDI-Konzerns und endet als PK der Talanx." Dass die Öffentlichkeit mit dem Namen Talanx wenig anfangen kann, stört den Konzernchef wenig: "Unsere bekannte Marke HDI bleibt erhalten." Talanx soll aber wegen des geplanten Börsengangs über eine Imagekampagne ebenfalls bekannt gemacht werden. Baumgartl möchte mindestens ein Viertel und maximal 49,9 % der Talanx platzieren - ausschließlich über eine Kapitalerhöhung. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er ganz nach oben will: "in den Dax".

Es gibt aber noch ein Problem: "Heute kommt ein nennenswerter Teil des Ergebnisses aus der Hannover Rück, die bereits an der Börse ist." Eine doppelte Notierung macht für Aktionäre keinen Sinn. Deshalb strebt Baumgartl die Reduzierung seines Anteils an der Rückversicherung an. Zusätzlich will er das Erstversicherungsgeschäft ausbauen, um die Mischung zu verbessern: "Wir wollen mindestens 65 % aus der Erstversicherung erwirtschaften." Heute ist es weniger als die Hälfte des Gewinns von rund 500 Mill. ¤. Für 2004 peilt er 1 Mrd. Euro Konzernergebnis an.

Um möglichst schnell die andere Mischung zu erreichen, reicht organisches Wachstum nicht aus. "Sinnvolle Erweiterungen im Erstversicherungsbereich" gehören für Baumgartl daher dazu. Nach der gescheiterten Übernahme von Gerling bleibt er auf der Suche nach einem großen Deal. "Unser Ziel ist es nicht, viele kleinere Versicherer zu übernehmen." Angst, sich zu übernehmen, hat der eher als schwach kapitalisiert eingestufte Versicherer dabei nicht: Er vertraut auf den erwarteten Geldsegen aus dem späteren Börsengang der Talanx.

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