Der heillose Missionar
Cisco-Chef John Chambers gilt als begnadeter Verkäufer

Er vergleicht es mit einer Jahrhundertflut: Niemand glaubt, dass es ihn selbst trifft. "Wir aber haben sie nicht nur erlebt, sie war auch fünfmal größer, als wir es je für möglich hielten." Solch düstere Worte wählt Cisco-Chef John Chambers erst seit kurzem, wenn er über die wirtschaftliche Lage des weltgrößten Netzwerkausrüsters redet.

HB NEW YORK. Vor vier Monaten war die Welt für Chambers noch in Ordnung. Cisco sollte nach seiner Einschätzung im laufenden Geschäftsjahr um mehr als die Hälfte wachsen. Er galt als einer der erfolgreichsten Unternehmenskäufer der USA. Und die schwächelnde Konjunktur hatte den Konzern noch nicht wirklich getroffen - und dass sollte sie nach den Plänen des international gefeierten Internet-Missionars auch nie.

Doch es kam anders. Im Januar kündigte der 51-Jährige an, das zweite Quartal werde "etwas herausfordernder" als das erste. Ende Januar war es dann schon "herausfordernder, als wir bisher erwartet hatten". Und zur Veröffentlichung der Ergebnisse für das zweite Quartal hieß es, "die nächsten Quartale werden eine Herausforderung".

Die Ankündigungen des wortgewandten Managers, der seine Ausführungen gerne mit eindrucksvollen Gesten unterstreicht, wurden immer düsterer. Bei der Vorlage der Prognose für das dritte Quartal wählte er das Bild von der Jahrhundertflut. Inzwischen verklagen ihn seine Aktionäre, er habe sie falsch informiert und mit seinen wohl tönenden Zukunftsprognosen in die Irre geführt.

Chambers trifft der dramatische Einbruch des Konzerns schwer. Der verheiratete Vater zweier Kinder bezeichnet es als "das Schlimmste in meinem Leben", dass er vor wenigen Tagen die Entlassung von 8 500 Mitarbeitern ankündigen musste.

Bisher war der visionäre Vorstandschef, der Finanzwirtschaft und Management studierte, vom Erfolg verwöhnt: Elf Jahre hintereinander stieg der Cisco-Umsatz - auch weil der akquisitionsfreudige Chef mehrere Dutzend High-Tech-Firmen kaufte. So wurde der Konzern aus San José in Kalifornien sogar das nach der Marktkapitalisierung größte Unternehmen der Welt, vor Microsoft. Heute ist der Konzern wieder weit zurückgefallen.

Schon einmal hat Chambers Ähnliches durchgemacht: Sein früherer Arbeitgeber, der Softwareentwickler Wang, für den er in Asien war, galt einst als Star, stürzte aber nach einigen Jahren mit Rekordzahlen in die Tiefe. Chambers hat daraus gelernt, dass Entlassungen eine schreckliche Aufgabe sind, und dass geschlossene Systeme wie die Software von Wang nicht überleben. Seither hat er viel Ehrgeiz verwendet, dass Cisco eine breite Produktpalette in aller Welt anbietet.

Was den Tennis-Fan aus Ohio in West Virginia in den Augen von Kollegen aber vor allem auszeichnet, ist seine Hinwendung zum Kunden. "John Chambers ist der kundenorientierteste Mensch, den ich kenne", sagt etwa der Risikokapitalgeber John Doerr über den Workaholic. "Ich liebe die Technologie nicht um ihrer selbst willen, sondern als Lösung für den Kunden", bestätigt Chambers.

Chambers, im vergangenen Jahr US-Manager mit dem viert höchsten Einkommen, gilt als begnadeter Verkäufer. Das hat er in seiner Zeit beim Computer- und Softwarehersteller IBM gelernt. Ein "nein" heißt für den Schnellredner lediglich, dass er noch einmal zum Kunden zurückkommen muss. Um so härter trifft ihn jetzt, dass die Kunden ihre Investitionen kürzen.

Der Chef des Weltkonzerns setzt großes Vertrauen in andere. So glaubt er einem Manager, wenn dieser ihm erklärt, er werde für eine bestimmte Zeit bei Cisco bleiben. Und viele seiner Vereinbarungen mit Geschäftspartnern werden niemals auf Papier festgehalten. "Ich ziehe einen Handschlag jederzeit einem Vertrag vor", sagt er selbst.

Auch sein Glaube an das Wachstum von Cisco bleibt trotz der momentanen Krise unerschütterlich. Und das will Chambers seinen Managern vermitteln. Jedem hat er Plastikkärtchen ans Revers gesteckt. Darauf ist zu lesen, dass der Konzern von den Marktanteilen bis zur Produktqualität überall die Führungsposition anstrebt.

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