Der holländische Fußball braucht Deutschland, um sich daran zu reiben
Arme Künstler gegen biedere Fußwerker

Seit der WM 1974 gelten Partien gegen Deutschland als Rückspiele. Dass man die WM 2002 verpasste, schmerzt Hollands Verband nur psychisch, aber nicht finanziell.

BRÜSSEL. Die Niederländische Nationalmannschaft brennt darauf, die Deutschen am Mittwoch (20.00 Uhr) in der "Arena auf Schalke" zu schlagen. Trainer Dick Advocaat hat die stärkste Mannschaft aufgeboten, lauter internationale Stars, keine Experimente. "Eigentlich ist es nur ein Freundschaftsspiel," meint Rob van Leede, Sprecher des Königlich Niederländischen Fußballverbandes, "aber Spiele gegen Deutschland sind immer etwas Besonderes."

Die Versicherung des Außergewöhnlichen gehört inzwischen zur unverzichtbaren Folklore deutsch-holländischer Fußballtreffen. Sie soll die alte Rivalität beschwören, die holländische Fans seit Jahrzehnten pflegen - die den meisten Deutschen aber erst 1990 aufgefallen ist. Der offenbar überhitzte Frank Rijkaard hatte im Achtelfinalspiel der WM in Italien Rudi Völler tierfilm-reif ins Minipli gewellte Haupthaar gespuckt. Seitdem gelten die Niederländer den Fußballdeutschen als missgünstigste aller Nachbarn.

Dabei hatte es schon vorher immer wieder Anzeichen tieferer Abneigung gegeben, etwa bei der EM 1988, als sich Ronald Koeman mit der deutschen Fahne über den Hintern wischte. Frustrierter sportlicher Ehrgeiz, dachten die meisten Sportkommentatoren. Schließlich hatten die Holländer seit Anfang der Siebziger Jahre die besseren Spieler, verloren aber in den entscheidenden Spielen stets gegen die deutschen Fußwerker.

Das holländische Trauma hat sogar ein Datum: Den 7. Juli 1974. Mit wunderschönem Fußball waren die Oranje-Kicker bis ins WM-Finale vorgerückt und dort mit 1:0 in Führung gegangen. Dann Ausgleich durch Gerd Müller und ein Elfmetertor von Paul Breitner. Holland am Boden - und wie beim Wembleytor von 1966 tauchen heute noch regelmäßig verwackelte Amateurbilder auf, die nun endgültig beweisen sollen, dass der Schiedsrichter damals auf eine Schwalbe von Hölzenbein hereingefallen ist.

Seitdem gelten in den Niederlanden alle Spiele gegen deutsche Teams irgendwie als Rückspiele, bei denen Revanche zu nehmen ist für das Unrecht von München. Dabei haben sich die holländischen Kicker längst rehabilitiert. Sowohl die Nationalelf als auch Vereine wie Ajax Amsterdam oder Feyenoord Rotterdam haben gegen deutsche Mannschaften in etwa ausgeglichene Konten. Die brillante 74er Mannschaft um Jahrhundertspieler Johan Cruyff war keine Eintagsfliege, wie damals befürchtet wurde. Holland zählt heute zu den Fußballgroßmächten, vor allem dank der professionellen Nachwuchsarbeit. 14 der nominierten 20 Mann spielen in Spanien, Italien oder England. Doch der Mythos von den armen Künstlern gegen die Erfolgreichen, von den holländischen Tänzern gegen die verbissenen deutschen Kämpfer wird gerne weiter gepflegt. "Wir wollen in erster Linie spielen," meint auch der frühere Weltklassestar Marco van Basten, "den Deutschen dagegen geht?s immer ums Gewinnen."

Für die Fans scheint das allerdings nicht zu gelten. Vor allem die Anhänger von Feyenoord haben sich in den letzten Jahren ihren soliden Ruf als schlechte Verlierer vor allem gegen deutsche Klubs erworben. Das Ausmaß der Krawalle und Ausschreitungen holländischer Fans nach Uefa-Spielen nährte allerdings den Verdacht, dass der Hass gegen Deutsche nicht nur sportliche Gründe hat.

Deutschland eigne sich auf Grund seiner Geschichte besonders gut als Feindbild, an dem man seinen Frust auslassen könne, meinten Psychologen, die Abneigung gegen den großen Nachbarn ziehe sich durch die gesamte Gesellschaft. Eine alljährliche Studie über die Einstellung Jugendlicher zu den Nachbarländern kommt regelmäßig zu dem Ergebnis, dass die Verachtung gegenüber Deutschen unter den Jüngeren sogar langsam ansteige. Und die Zeitung NRC-Handelsblad schrieb vor einiger Zeit selbstkritisch: "Wir leisten uns den Luxus, über Deutsche zu sprechen und zu urteilen, als seien sie Untermenschen."

Rob van Leede vom Königlichen Fußballverband beeilt sich, das Besondere am Spiel gegen Deutschland auf das rein Sportliche zu begrenzen. "Nach der verpassten WM wollen wir zeigen, dass wir wieder da sind." Dass die Oranje-Kicker bei der Qualifikation für die Spiele in Japan und Südkorea gescheitert waren, habe vor allem psychische Spuren hinterlassen. Finanziell sei der Verlust überschaubar: "80 Prozent der Einnahmen hätten wir ohnehin an Prämien für die Spieler ausgeben müssen." An Fernsehrechten sei jetzt sogar mehr zu verdienen, weil, so van Leede, "die Zuschauer ausgehungert sind und endlich wieder ihre Nationalelf sehen wollen." Gegen den Trend sei deshalb der vor neue Fernsehvertrag mit dem Kommerzsender SBS 6 lukrativer für den Verband als der vorherige. In den Köpfen der Spieler und auch der Fans aber ist die Wunde noch offen. "Ohne Holland fahr?n wir zur WM," sangen deutsche Fans und richteten für schadenfrohe Kommentare eine eigene Website ein. Rob van Leede rechnet damit, dass der Song auch morgen angestimmt wird. "Das wird uns eher inspirieren."

Auch die holländischen Zeitungen sind derzeit tapfer sportlich. Das Algemeen Dagblad brachte sogar eine ganzseitige Lobeshymne auf Rudi Völler. Der habe "schier Unmögliches geleistet", schrieb das Dagblad, und das "mit einer mittelmäßigen Mannschaft". Ganz ohne Seitenhiebe geht es nicht zwischen Holland und Deutschland.

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