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Der Hüter des Schatzes

"Uncle Sam wants you!" - sagt ausgerechnet das US-Patent- und Markenamt, das den (zukünftigen) Reichtum der Nation hütet.

Vom Tellerwäscher zum Millionär - wer würde diesen Traum nicht gerne leben? Doch der typische Blitzstart auf der Karriereleiter sieht heute im Land der unbegrenzten Möglichkeiten anders aus als früher.

Seit schon den jüngsten US-Bürgern die Lebensgeschichte von Microsoft-Gründer Bill Gates bekannt ist, hat sich längst herumgesprochen: Die Episode mit den Händen im dreckigen Spülwasser darf getrost übersprungen werden.

Dafür sind zwei Voraussetzungen zu erfüllen: Eine Garage - das müsste zu schaffen sein. Und eine bahnbrechende Idee - das wiederum ist schon schwieriger. Wer aber weiß, was die Welt von morgen braucht, was sie in Atem hält und bewegt, der darf hoffen? Hoffen darauf, dass eines fernen Tages auch seine Idee das US-Patent- und Markenamt in Washington passiert. Denn genau dort liegt zurzeit das Problem.

Amtschef Nicholas Godici sitzt auf einem Berg unbearbeiteter Patente und hütet damit im wahrsten Sinne des Wortes den Reichtum der Nation. Nach eigenen Angaben machen ihm vor allem die zahlreichen Patent-Anmeldungen, die aus der Telekommunikations- und Elektronik-Branche kommen, zu schaffen. "Wer soll soviel Ideenreichtum noch bearbeiten können?", klagt er. Allein in diesem Jahr erwartet Godici 360 000 neue patentrechtliche Anträge.

In seiner Verzweiflung wandte sich der oberste Ideenhüter jetzt an das amerikanische Volk: "Uncle Sam wants you" - er sucht zur sofortigen Einstellung 500 Ingenieure der Elektrotechnik mit Bachelor-Abschluss im Rekrutengepäck. Ihr Einsatzgebiet: das Patentamt. Künftig sollen die Ingenieure prüfen, ob die zahlreichen Ideen, die in den Schatzkammern des Amtes lagern, tatsächlich so neu und revolutionär sind, wie ihre Erfinder glauben möchten.

Für den Einstieg in die Bürokratie lockt neben der interessanten Aufgabe ein nettes Extrabonbon: den neuen Prüfern wird ein Mindestgehalt von 110 000 Mark brutto versprochen sowie zahlreiche Sozialleistungen. Godici will damit bis Ende September 2002 mehr als 700 Ingenieure ins Amt locken, um den jährlichen Anstieg der Patentanträge von 10 bis 12 Prozent besser bewältigen zu können.

Die amerikanischen Erfinder und Garagenbesitzer dürfen sich also freuen und wieder auf die Worte des französischen Philosophen Pierre Teilhard de Chardin setzen: "Nichts auf der Welt ist so unmöglich aufzuhalten wie das Vordringen einer Idee." Schon bald soll auch den amerikanischen Tüftlern nichts mehr im Wege stehen - ein Blitzstart à la Bill Gates könnte dann wieder einmal gelingen.

Simone Wermelskirchen
Simone Wermelskirchen
Handelsblatt / Redakteurin
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