Der Irak will den Vormarsch der Alliierten gestoppt haben – USA sprechen von Anpassung der Strategie
Der Kampf um die Wahrheit

Parallel zum Bodenkrieg ist der Kampf um die Informations- hoheit entbrannt: Während die Alliierten angeben, alles laufe nach Plan, melden die Irakis eine Gegenoffensive. Eins ist klar: Der Kampf wird blutiger.

law DÜSSELDORF. Mit militärischen Mitteln kann das irakische Regime den Krieg kaum gewinnen, doch im Kampf um die öffentliche Meinung drängt Bagdad die Alliierten immer mehr in die Defensive. Für Empörung in der arabischen Welt sorgte am Mittwoch ein US-Raketenangriff auf Bagdad, bei dem nach irakischen Angaben mindestens 15 Menschen starben. Zwei Marschflugkörper seien im Stadtteil El Schaab eingeschlagen. Westliche Reporter vor Ort bestätigten eine hohe Zahl von zivilen Opfern.

Sofort warf der irakische Informationsminister Mohammed Sajjid el Sahhaf den Invasoren vor, bei Luftangriffen Streubomben "in hysterischer Art und Weise" gegen zivile Ziele in Bagdad, in der Provinz Babylon, in Nasirija und in dem Dorf Bani Saad einzusetzen. Allein in Nasirija seien mehr als 500 "Zivilisten" getötet worden. Doch wie so oft im Krieg hat diese Geschichte zwei Seiten: Auch alliierte Militärs nennen die Zahl von 500 Toten, doch handele es sich dabei um irakische Kämpfer, die sich in Nasirija verschanzt hätten. Die eigenen Opfer geben die Alliierten bislang mit insgesamt 45 Toten an.

Über zivile Opfer ist auch eine Woche nach Kriegsbeginn so gut wie nichts bekannt. "Um die Wahrheit zu sagen, die Welt macht sich bisher kein Bild über die humanitären Folgen des Krieges", klagte ein Uno-Sprecher. Unklar sei die Lage in der umkämpften Stadt Basra. Hier bereitet vor allem akuter Wassermangel, unter dem 1,3 Millionen Menschen leiden, Sorge. Das Kinderhilfswerk Unicef warnt: "100 000 Kinder sind in Gefahr, an Durchfall und Wassermangel zu sterben."

Raum für Interpretationen lässt auch die militärische Lage. Die Alliierten "bewegen sich nicht mehr vorwärts, wir haben sie heute Morgen angegriffen", sagte Informationsminister Sahhaf am Mittwoch. Die Hafenstadt Umm Kasr sei keineswegs in den Händen der Invasoren: Saddams Elite-Soldaten hätten die US-Truppen im Bereich der Docks eingeschlossen. Die Koalitionstruppen hätten die Öffentlichkeit mit Berichten über die Einnahme der Stadt getäuscht.

Auf den ersten Blick schien gestern einiges für Bagdads Angaben zu sprechen. Selbst der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon drückte sich im Unterhaus vorsichtig aus und sprach von "bedeutenden Fortschritten" seit Freitag. Ein Teil der Streitkräfte befinde sich 100 Kilometer vor Bagdad - was Premier Tony Blair schon am Montag verkündet hatte. Die New York Times nennt einen Strategiewechsel als Grund für den offenbar gestoppten Vormarsch. Angesichts des starken Widerstandes sollten jetzt vor einem Sturm auf Bagdad zunächst die Nachschublinien im Süden gesichert werden. Allerdings meldeten auch US-Aufklärer, rund 5 000 Soldaten der Republikanischen Garden bewegten sich auf Nasirija zu - und damit den vordersten Einheiten der US-Infanterie entgegen.

Dagegen wiesen die Amerikaner Berichte über Kämpfe in Umm Kasr zurück. Der Hafen sei jetzt auch von Minen befreit worden und könne von Schiffen mit Hilfslieferungen angesteuert werden. Ein erster Hilfskonvoi sei aus Kuwait unterwegs.

Bei Erfolgsmeldungen über Aufstände von Schiiten in Basra ruderten die Alliierten zurück. "Die Berichte darüber, was in Basra geschehen ist, waren verwirrend. Wir glauben aber, dass es vereinzelte Unruhen gegeben hat", sagte Blair vor dem Parlament. Nach Angaben der irakischen Opposition gab es einen Aufruhr in einem Stadtteil, nachdem die Briten "Schlüsselstellungen" des Regimes angegriffen hatten. Die britischen Streitkräfte erklärten, sie hätten eine Zentrale der Baath-Partei beschossen, weil diese mit Milizen und Spezialeinheiten die Bevölkerung "terrorisiere".

Um die irakische Medienkampagne zu behindern, griffen US-Flugzeuge auch das staatliche Fernsehen mit Raketen an. Die Sendungen wurden zeitweise unterbrochen. Ein US-Sprecher sprach von einem Angriff auf "entscheidende Einrichtungen für die Kommando- und Kontrollstruktur des Regimes". Amnesty International wertete den Angriff hingegen als möglichen Verstoß gegen internationales Recht.

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