Der Ire Eddie Jordan ist der Mittelständler der Formel 1
Herr der Boxenluder

Das Fall-Beispiel Jordan zeigt, wie schwierig es in der Formel 1 ist, sportlich konstant gute Leistungen zu bringen. Immerhin lässt sich das Luderimage noch ordentlich verkaufen.

SILVERSTONE. Eines unschönen Abends hat es bei Eddie Jordan geklingelt. In doppeltem Sinne. Der Mann, der vor der Tür stand, war Gerichtsvollzieher, und dem ambitionierten Formel-1-Teamchef wurde klar: Erfolg um jeden Preis zu suchen, ist zwar ein ziemlich sportlicher Ansatz, unternehmerisch gedacht aber manchmal auch ein ziemlich verheerender.

Jordan, der 1991 mit seinem neuen Rennstall auf Anhieb einen fünften Platz in der Formel-1-WM belegen konnte, rechnete nach: Sechs Millionen Pfund eingenommen, zwölf ausgegeben. Glatt verrechnet. Seit sein Team damals fast übern Jordan gegangen wäre, betreibt der Aufsteiger aus Dublin das Renngeschäft vorrangig, um zu verdienen. Irisch Moos. Früh hat er erkennen müssen, dass die Finanzen maßgeblich den Erfolg bestimmen. Eddie Jordan selbst hat inzwischen ausgesorgt, nachdem er vor vier Jahren ein Bündnis mit den Investmentbankern von Warburg Pincus eingegangen ist. Sein Rennstall aber steckt gerade in einer existenziellen Krise, gleichwohl die Devise "Zurück zu den Anfängen" eigentlich ganz anders gemeint war.

Im Erfolgsfall erscheinen die Umgangsformen bei der Jordan die ihr Hauptquartier vis-a-vis der Rennstrecke von Silverstone bezogen hat, lockerer als anderswo. "Lachen ist die beste Motivation für meine Truppe", behauptete der Chef immer.

Jordan macht mobil

Doch Selbiges ist dem 54-Jährigen momentan gründlich vergangen. Dem Mittelständler der Formel 1 sprangen nach zwei Jahren sportlichem Mittelmaß die Sponsoren ab, der Personalstand musste vor und in dieser Saison um 15 Prozent verringert werden. Mit dem E-Business (wobei das E vornehmlich für Exzentrik steht) schien es vorbei. Doch Jordan (Wahlspruch: "Ich denke nicht, dass man mit strenger Miene durchs Leben gehen muss, nur um seriös zu wirken.") macht mobil. Er rüttelte mit Solidaritätsaufrufen an die reichen Teams - ungeachtet aller seiner schillernden privaten Statussymbole - die Branche wach und verlangt für die kleineren Rennställe einen größeren Anteil vom Vermarktungskuchen.

Zusätzlich möchte er, ganz eigennützig, dass jeder Motorenhersteller auch ein zweites Team ausrüstet. Sein Argument: Die Großen unter sich können allein keine Rennen fahren. Über die Bereitschaft, eigene Gewinne zu reinvestieren, wurde öffentlich nichts bekannt. Eddie Jordan kümmert sich nach der Entlassungswelle wieder verstärkt persönlich um die wirtschaftlichen und sportlichen Belange seines Unternehmens: "Ich habe mich mehr denn je dem Ziel verschrieben, Erfolg in der Formel 1 zu haben." Erreichen will er das - zwangsweise - mit der Effizienz, die in der Gründerzeit herrschte. Alter Ehr-Geiz.

Sportlich ist derzeit ein Aufwärtstrend zu spüren, doch wirtschaftlich zeichnet sich schon das nächste Krisenszenario ab: Motorenlieferant Honda will in Zukunft allein auf das BAR-Team setzen und die kostenlosen Lieferungen an die Jordan Grand einstellen. Dann würden künftig 40 bis 60 Millionen Euro Leasinggebühr fällig. Der japanische Nachwuchspilot Takuma Sato, der bisher vor allem durch spektakuläre Unfälle und hervorragende Englischkenntnisse auffiel, sollte eigentlich ein Faustpfand für die Geschäftsbeziehungen mit Fernost sein.

Das Hoch lässt auf sich warten

Im Rennfahrer-Handel hat Eddie Jordan oft eine Pole-Position besessen, frei nach dem Prinzip "Eddie, the eagle": Mit Adleraugen Talente erspähen, zugreifen, Nestwärme geben, flügge werden lassen, gegen fette Beute eintauschen. Glücksfälle für das Team mit dem Kleeblatt im Logo waren Martin Brundle, Johnny Herbert, Jean Alesi, Eddie Irvine, Heinz-Harald Frentzen, Michael Schumacher, Rubens Barrichello, Ralf Schumacher und Giancarlo Fisichella. Die Entdeckungen gab der Chef des Talentschuppens Gewinn bringend weiter, an manchen Piloten partizipierte der vierfache Familienvater noch finanziell, obwohl sie schon jahrelang woanders fuhren - wie bei den Schumachers. Auch diese Geschäfte laufen nicht mehr so blendend. Heinz-Harald Frentzen, den Jordan im letzten Jahr ausgerechnet vor dem deutschen Grand Prix vor die Türe setzte, prozessiert um eine Gehaltsnachzahlung in zweistelliger Millionenhöhe. In Ländern, in denen Zigarettenwerbung verboten ist, werden die Buchstaben des Schriftzugs von Sponsor Benson and Hedges so angeordnet, dass sie die Worte "on edge" ergeben - am Limit.

Dort war man Ende der Neunziger angelangt, im positiven Sinne. Platz vier in der Konstrukteurs-WM 1998 folgte der dritte Rang 1999, die ersten Siege wurden verbucht. Jordans Ausdauer schien sich auszuzahlen. Doch die Realität hielt den - auch bei den Partnern aus der Wirtschaft - geweckten Erwartungen nicht stand, es folgte der Rückfall auf die Ränge sechs und fünf. Technisch und sportlich waren die Auftritte von Stillstand geprägt. Dazu hielten die Top-Teams Jordan mit ihren größeren Möglichkeiten weiter auf Abstand. Das Hoch auf dem gelben Wagen, dass sich vor allem Großsponsor Deutsche Post erwartet hatte, stellte sich nicht ein. Die Einschätzung der Kritiker schwankte zwischen "zu früh gefreut" und "hat sich einfach übernommen." Das Fall-Beispiel Jordan unterstreicht, wie schwer es ist, Konstanz im Motorsport zu erreichen.

Nur an den Boxenludern wird nicht gespart

Ohne Erfolge verblasst auch das Popstar-Image schnell, die hauseigene Kommerzabteilung tut sich schwerer, die Attribute "schrill und schräg" zu verkaufen, wo es an "schnell" fehlt. Ohne diesen Glitzer wirkt trotz Gel selbst das Haarteil stumpf. Das Hemd wird jetzt auch wieder höher zugeknöpft. Nur Volumen und Offenherzigkeit der bestellten Boxengirls sind geblieben, ein Luder-image lässt sich immer noch gut verkaufen. Von der Außenwirkung des Pokerfaces abgesehen, zeigt Jordan Härte. Die Weihnachtsparty 2000 fiel als erzieherische Maßnahme aus, stattdessen schrieb er einen Wunschzettel - er verlange Besseres von seiner Mannschaft.

Am Wochenende, beim Großen Preis von Großbritannien vor der Firmentür, kann Eddie Jordan endlich mal wieder kräftig auf die Pauke hauen. Aus Lust - und gegen Frust. Bei der alljährlich nach dem Silverstone-Rennen steigenden Session stand er als Schlagzeuger schon mit Solisten von Queen, Level 42 und Pink Floyd auf der Bühne. Im Konzert der Großen mitzuspielen, das bleibt die ewige Obsession von Eddie Jordan.

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