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Der IT-Aufschwung lässt auf sich warten

IBM senkt die Erwartungen - Compaq, Dell und Co. vertrösten ihre Anleger auf das Jahresende.

Die Nachricht sandte am Montag Schockwellen durch die Börsen: IBM, der Welt größter Computerkonzern, erwirtschaftete im gerade abgelaufenen Quartal deutlich weniger Umsatz und Gewinn als erwartet. Eine solche Gewinnwarnung hatte es von "Big Blue" seit gut einem Jahrzehnt nicht mehr gegeben. Der Kurs der Aktie brach zeitweise um mehr als elf Prozent ein; Anleger zweifelten plötzlich wieder am Aufschwung.

Diesem düsteren Bild schien die Meldung von Compaq vom selben Tag zu widersprechen: Der Computerhersteller hatte - kurz vor der Übernahme durch den Konkurrenten Hewlett-Packard - gute Nachrichten. Er kündigte an, die Gewinnerwartungen zu erfüllen. Der Umsatz liege mit 7,7 Milliarden Dollar sogar leicht über den Prognosen.

Bei näherem Hinschauen sind die Ankündigungen aber gar nicht so widersprüchlich. Denn bei beiden Konzernen sieht der Vergleich zum Vorjahreszeitraum beängstigend aus: Bei Compaq sanken der Gewinn um 77 % und der Umsatz um 16 %; bei IBM werden der Gewinn wohl mehr als 28 % und der Umsatz um mindestens 11 % niedriger liegen. Das signalisiert, dass die Technologiefirmen noch ein bisschen länger auf den Aufschwung warten müssen - ihre Kunden halten sich nach wie vor mit dem Kauf neuer Produkte zurück.

Die Warnung des Musterschülers IBM schockierte vor allem wegen des Ausmaßes der Korrektur: Statt der von Analysten im Durchschnitt erwarteten 85 Cent Gewinn je Aktie rechnet der Computerriese nur noch mit 66 bis 70 Cent. In den vorangegangenen Quartalen hatte er sich noch von der Branche wohltuend abgehoben - während die Konkurrenz Umsatzeinbrüche und Verluste meldete, wuchs IBM scheinbar unaufhaltsam. Das ist jetzt vorbei.

Sicher, bei IBM belasten auch Sonderfaktoren das Ergebnis. Der Konzern gilt als Meister der Buchführungstricks. Die Mannen von IBM-Chef Lou Gerstner haben es stets verstanden, das Bild durch geschickte - legale - Buchung etwa von Steuergutschriften oder Gewinnen aus den Pensionsfonds aufzupolieren. Nach dem Skandal um den Energiekonzern Enron sind die US-Unternehmen aber mit solchen Kunststückchen nun sehr vorsichtig. Und Big Blue hat seit dem 1. März einen neuen Chef - Samuel Palmisano nutzt die Gelegenheit wohl auch, um die Latte für künftige Quartalsberichte etwas niedriger zu legen.

Es wäre aber auch zu einfach, nur von einem IBM-Problem zu sprechen. In den vergangenen zwei Wochen haben etliche IT-Firmen die Märkte enttäuscht - zum Beispiel Oracle, Hewlett-Packard und Peoplesoft. Selbst Anbieter von Sicherheitsprodukten wie RSA Security, denen Analysten angesichts der Angst vor Terror eine rosige Zukunft vorhergesagt hatten, konnten die Erwartungen nicht erfüllen. Und Computerhersteller Dell meldete - ähnlich wie Compaq - einen Umsatzanstieg, warnte aber, der Aufschwung werde noch mindestens sechs Monate auf sich warten lassen.

Die IT-Branche hängt traditionell dem Konjunkturzyklus etwas hinterher: Die Kunden warten mit höheren Technologieinvestitionen, bis ihre eigenen Gewinne wieder gestiegen sind. Und solange sie nicht mehr kaufen, verharren die Umsätze der Hersteller im Keller.

Noch bleiben die Analysten bei ihren Vorhersagen, dass es im zweiten Halbjahr endlich aufwärts geht. Doch die Hoffnungen, dass der Abstand zum Rest der Wirtschaft diesmal kürzer ist als sonst, haben sich mit den jüngsten Meldungen der Technologiekonzerne wohl endgültig zerschlagen.

Quelle: Handelsblatt

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