Der IT-Direktor im Innenministerium
Ohne Schall und Rauch

Milliarden-Investitionen und enorme Änderungen stehen bei den Web- und IT-Projekten des Bundes bevor. Koordinieren soll sie ein junger Informatiker, der nicht nur Freunde hat: Martin Schallbruch.

Vor nicht mal vier Jahren suchte er in einem Online-Forum den Nachmieter für seine Studentenbude: Eine Einzimmerwohnung in Berlin-Neukölln. Ohne Badezimmer, 40 Quadratmeter, Miete damals 280 DM. Heute kann sich Martin Schallbruch mehr leisten, seit Januar fungiert er als Otto Schilys oberster Ministerialer in Sachen E.

Nicht bloß bei der Suche nach einem Mieter war der einst spartanisch Wohnende früh online aktiv: Schon 1993 fragte er andere Surfer um Infos zum Camping im Baltikum. Doch bei allem Amusement der neu geschaffene Posten des IT-Direktors mit eigenem Stab im Innenministerium zeigt, dass sich etwas bewegt bei den Bundesbehörden. Es geht um Milliarden: Schallbruch unterliegt neben anderem neuerdings die Fachaufsicht über das Bonner Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), die Beratung bei IT-Investitionen der Bundesbehörden sowie die Koordination bedeutender staatlicher Web- Projekte.

Die Kosten allein der Initiative Bund Online liegen in den kommenden vier Jahren bei 1,65 Milliarden Euro. Koordiniert werden sie und die direkt bevorstehenden Ausschreibungen vom 40-köpfigen IT- Stab unter Minister Otto Schily (SPD), seiner Staatssekretärin Brigitte Zypries sowie eben dem 36-jährigen Direktor. Schallbruchs Aufstieg in die Ministeriumsspitze geschah ohne viel Schall und Rauch: Gut drei Jahre arbeitete er still als persönlicher Zypries-Referent und erwarb sich als Berater in Sachen Web einen Namen. Auf ihn verlasse ich mich voll , lobte die alte und neue Chefin schon zu Referentenzeiten. Zuvor verdiente sich der Informatiker Meriten an der Humboldt-Universität in Berlin, baute die IT-Struktur der Jura-Fakultät auf.

Schallbruch ist ein wirkliches Organisationstalent und verbindet das mit einer ausgesprochenen sozialen Kompetenz, lobt Bernhard Schlink, Rechtsprofessor, Buchautor und an der Fakultät für IT-Fragen zuständig. Im schwierigen Soziotop der Uni-Landschaft habe er eine Gabe bewiesen, zu vermitteln und mit Menschen umzugehen. Sicher, Schallbruch (Lieblingsbuch: Die Leiden des jungen Werther ) sei leise. Aber ein lauter Mensch hätte die Aufgabe so nicht bewältigen können, meint Schlink. Doch die Freude über Schallbruchs ungewöhnlich zügigen Aufstieg eingestuft ist seine neue Stelle nach B 6 mit einem Grundgehalt von mehr als 6500 Euro blieb nicht ungeteilt.

Ein Protestbrief kursierte im Ministerium, geschrieben von einem Referatsleiter, der das Profil der Stellen auschreibung als lächerlich kritisierte und monierte, die Position sei Zypries Schützling zugeschanzt worden. Als Querulantentum kanzeln Ministeriumssprecher den Protest ab, alles sei korrekt zugegangen, externe Experten hätten sich ebenfalls für Schallbruch ausgesprochen. Selbst äußern will sich der gebürtige Rheinländer dazu nicht, wie auch zu Themen, die er als privat empfindet: Schluss jetzt damit, ich gerate ins Plaudern.

Unter Fachleuten wird die Art der Stellenbesetzung zwar auch mit einem Augenzwinkern gesehen. Doch wird ergänzt, es habe wohl den richtigen getroffen. Denn Schallbruchs Ruf hat unter ihnen keine Kratzer: Wichtige Themen werden mit ihm schlagkräftiger vertreten, urteilt etwa Hubertus Soquat, bei den Kollegen im Bundeswirtschaftsministerium für das Thema IT- Sicherheit zuständig.

Beim Branchenverband Bitkom, wo Schallbruch für kommende Woche seinen Antrittsbesuch plant, machte er ebenfalls bereits einen guten Eindruck, schon wegen seiner Vorbildung . Die Zusammenführung der IT-Themen in einem Stab sei in jedem Fall zu begrüßen , sagt Verbandsjurist Pablo Mentzinis. Vor allem im Beschaffungswesen hofft er auf Vereinfachungen Bitkom und Bund rangeln hier seit Jahren um das Kleingedruckte. Konkrete Änderungen stehen vor allem beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) an. Auf 35 Millionen Euro war der gewöhnliche Etat für 2002 angesetzt, Schilys Anti-Terror-Paket spült weitere 15 Millionen Euro in die Behörde. Prozentual betrachtet profitiert sie damit am stärksten. So wird ein neues Referat für das so genannte Penetration Testing aufgebaut. Außerdem arbeiten die Bundesämtler nun eifriger an Einsatz und Sicherheit von Programmen mit bekanntem Quellcode (Open Source, Beispiel Linux) und sollen die Sicherheit der technischen Infrastrukturen noch steigern.

Auch die Unterstützung von Straf- und Sicherheitsbehörden baut das Ministerium aus. Plakatives Beispiel: Kommt ein Polizist mit einem beschlagnahmten PC nicht klar, kann er das BSI um Hilfe bitten. Auch in der täglichen Zusammenarbeit von Bundesamt und Ministerium dürfte Schallbruchs verbindlicher Stil gefragt sein. Gilt die Behörde doch als kurz gehalten, selbst bei Details kommen statt freundlicher Anrufe zuweilen schriftliche Erlasse ins Haus. Zudem hatten verschiedenste Bereiche des Ministeriums die Aufsicht inne, über die Schallbruch jetzt zentral verfügt. Der betont prompt, wie wichtig gutes Personal für die Einrichtung sei wohl ein Indiz, dass das Ministerium nicht immer zufrieden war. Denkbar, dass den Bonnern nun häufiger externe Experten an die Seite gestellt werden.

Am Rhein heißt es zu den neuen Strukturen denn auch ein wenig lapidar: Kein Kommentar. Schallbruchs neuer Stab übernimmt zudem bisherige Aufgaben der Koordinierungs- und Beratungsstelle des Bundes (KBSt), die Empfehlungen für Soft- und Hardware-Ausstattung der Behörden ausspricht. Interessant denn der Informatiker ist als Freund von Open Source bekannt, will eher skeptischen Studien zum Trotz einen Feldversuch mit Linux auch an Arbeitsplätzen starten und nicht bloß bei zentralen Rechnern. Bei Microsoft dürfte die Personalie deshalb kaum bejubelt werden. So klagte kürzlich Richard Roy, MicrosoftVizepräsident für die Strategie in Europa, er sei überrascht von der Emotionalisierung der Diskussion und der eindeutigen Stellungnahme einzelner Persönlichkeiten der Politik.

Doch Schallbruch ist kein missionarischer Eiferer. Schon zu seinem Lieblingsthema zu Unizeiten dem Datenschutz äußerte er sich zwar deutlich, jedoch nie polemisch. Ich sehe keinen Unterschied zu meinen damaligen Positionen, die sind immer noch aktuell, sagt er weiter, auch wenn er heute als hoher Bundesvertreter für Gesetze und Ermittlungsmethoden steht, die er damals womöglich kritisiert hätte. Diplomatie pflegt er übrigens auch auf seinem privaten Rechner: Dort hat Schallbruch mit Linux und Windows 98 beide konkurrierende Systeme installiert.

Bei allen Möglichkeiten muss er jedoch auch etwas leisten: Schily erwartet, dass gespart wird. Dem Investitionsbedarf steht ein beträchtliches Einsparpotenzial gegenüber , sagte er Mitte Dezember. Wir gehen davon aus, dass sich durch Bund Online 2005 Einsparungen von gut 400 Millionen Euro jährlich erzielen lassen. Der im Dezember proklamierte Umsetzungsplan verpflichtet mehr als 100 Behörden des Bundes, bis Ende 2005 genau 376 Dienstleistungen ganz oder zumindest teilweise über das Internet abzuwickeln. Jedes Jahr werden beispielsweise 400000 Wehrpflichtige gemustert und 50 Millionen Zollerklärungen gestellt. Solche Abläufe sollen die Beamten online bearbeiten. Neue Dimensionen für den IT-Direktor doch dass er zumindest selbst sparsam ist, belegt ein weiteres Detail aus dem Netz: Noch im Juli 2001 konnte Schallbruch eine Paris-Reise nicht antreten und versuchte, die bereits gekaufte Zugfahrkarte im Web an den Mann zu bringen.

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