Der italienische Fußball ringt um das wirtschaftliche Überleben
Ende der Dolce Vita

Am Donnerstag gibt Italiens Fußballverband bekannt, welche Vereine für welche Profiligen zugelassen werden. Die börsennotierten Klubs Lazio und AS Rom werden die Lizenz wohl dank einer kurzfristigen Kapitalerhöhung erhalten, der AC Florenz jedoch wahrscheinlich nicht.

MAILAND. Vor ein paar Tagen war Vittorio Cecchi Gori noch gut drauf. "La dolce vita!", rief er seinen Freunden an Roms Flaniermeile Via Vittorio Veneto aus einer dunklen Mercedes-Limousine zu. Am Dienstag war das süße Leben dann vorerst vorbei für den 60-jährigen Präsidenten des AC Florenz. "Sie strangulieren mich, sie wollen mich vernichten", klagte er über seine vergeblichen Versuche, durch den Verkauf von familieneigenen Villen in der Toskana die "Fiorentina" zu retten.

Wenn der italienische Fußballverband dem Traditionsverein für die Regelung seiner Finanzen keinen Aufschub gewährt, wird der "lila" Klub aus der Profiliga verbannt und in die Amateurklasse versetzt. Ein Konkurs des hoch verschuldeten Vereins wäre wohl unvermeidbar.

Das Drama um den AC Florenz ist nur die Spitze des Eisbergs. Der gesamte italienische Fußball hat ein Problem. Nie sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten deutlicher zu Tage getreten als im Vorfeld der diesjährigen Lizenzvergabe. Am Donnerstag wird der Verband Federcalcio entscheiden, welche Klubs für die vier Profiligen (A, B, C1 und C2) zugelassen werden. Als Regel gilt, dass die aktuellen Verbindlichkeiten den Umsatz der letzten Saison um maximal das Dreifache überschreiten dürfen. Diese ökonomische Anforderung konnten bis Anfang dieser Woche neben der Fiorentina weitere acht Klubs nicht erfüllen, darunter Mannschaften, die sportlich den höchsten Anforderungen gerecht werden: beispielsweise AS Roma, Klub der Superstars Cafu, Totti und Battistuta, und Lazio Roma, Heimat so klangvoller Namen wie Nesta, Stam und Crespo. Beide Hauptstadtvereine sicherten sich erst in letzter Sekunde ihre sportliche Zukunft. Lazio deckte die Schulden von 22 Millionen Euro durch eine Kapitalerhöhung in Höhe von 55 Millionen Euro. Der AS Rom überwies die noch ausstehenden sechs Millionen Euro an Pay-TV- und Zuschauereinnahmen an die Liga. Auch Zweitligisten wie der SSC Neapel beglichen ihre Schulden.

Das System hängt am seidenen Faden

Alles o.k. also? Nicht im Mindesten, sagen Verband, Klubverantwortliche und Aktionäre der börsennotierten Vereine Juventus Turin, Lazio und AS Rom. Deren Aktien fielen dank katastrophaler Bilanzen stetig. Laut Federcalcio haben die 128 Profivereine des Landes in der Saison 2000/2001 (neuere Daten sind nicht erhältlich) bei einem Umsatz von 1,48 Milliarden Euro 1,04 Milliarden Euro operativen Verlust gemacht. Wären da nicht die hohen Gewinne durch den Verkauf von Spielern - allein bei den 18 Klubs der "Serie A" summierten sie sich auf über 600 Millionen Euro - wäre das gesamte System längst zusammengebrochen.

Grund der Misere: Um die Crème de la Crème des internationalen Fußballs nach bella Italia zu locken, bezahlen die Klubs wahnwitzige Gehälter. In der ersten Liga zahlten die Klubs 75 Prozent der Einnahmen als Löhne aus, in der Serie B überstiegen die Lohnzahlungen die Einnahmen sogar um gut 14 Prozent. Ohne die großzügigen Präsidenten und Mäzene wie Italiens Premier Silvio Berlusconi (AC Milan), den Ölindustriellen Massimo Moratti (Inter Mailand) oder Sergio Cragnotti, den König der Dosentomaten (Lazio Rom), könnte die Liga nicht überleben.

Auch die Fernsehgelder fließen ncht mehr in gewohntem Umfang

Bislang hat neben diesen mächtigen Männern mit den Spendierhosen stets das Fernsehen geholfen. Die konkurrierenden Pay-TV Sender Telepiu und Stream schaukelten die Preise für Exklusivverträge mit prestigeträchtigen Mannschaften immer weiter in die Höhe. Doch der Boom des Bezahlfernsehens ist vorbei noch bevor er richtig begonnen hat. Stream und Telepiu werden fusionieren müssen - auch wenn sich deren Eigentümer Vivendi-Canal und Rupert Murdoch noch nicht über die Modalitäten einig sind. Die Folgen dieser Konzentration spüren bereits heute die Vereine: Acht Erstligaklubs haben noch keinen TV-Vertrag in der Tasche. Sollten sie noch einen bis zum Anpfiff am 1. September bekommen - er wäre wohl weniger üppig als früher. Daher fordern diese Vereine, den Liga-Start um einen Monat nach hinten zu schieben. Ähnlich sieht das Bild im Free-TV aus. Die öffentlich-rechtliche Rai hatte in der letzten Saison den Vereinen noch 88 Millionen Euro für die zeitversetzten Bilder bezahlt. Mehr als 45 Millionen Euro sollen es 2002/2003 nicht werden.

Angesichts solch düsterer Aussichten bleibt den Vereinen nichts anderes übrig, als die Gehälter zu kürzen und die Löhne stärker an die Leistung zu koppeln. Einige Profis haben selbst bereits die Notbremse gezogen: So verzichten die Inter-Stars Ronaldo, Vieri und Recoba freiwillig auf zehn Prozent ihres Gehalts. Bei Summen zwischen 3,9 und 5,5 Millionen Euro netto pro Jahr dürften sie dabei aber kaum verarmen. Auch der einzige spektakuläre Neuzugang der Liga, Rivaldo, muss sparen: Kassierte der brasilianische Weltmeister beim FC Barcelona noch zwölf Millionen Euro pro Jahr, muss er sich beim AC Mailand mit 4,8 Millionen und einer Villa zufrieden geben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%