Der Jahrestag
Kommentar: Ground Zero

Kann ein Tag die Welt verändern? Heute vor einem Jahr rasten zwei als monströse Waffen missbrauchte Langstreckenflugzeuge in die beiden Türme des World Trade Center in New York und brachten tausendfachen Tod. Die Ikone des Kapitalismus wurde pulverisiert, wurde zu Ground Zero. Im Schock, im Banne des Unfassbaren sprachen viele davon, dass nun nichts mehr so sei wie zuvor, dass der 11. September die Welt verändert habe, dass nach den Terroranschlägen eine neue Weltordnung entstehen werde.

Ein Jahr später wissen wir: Es ist so nicht gekommen. Die Welt, auch die Weltwirtschaft, hat sich vom Schock der Anschläge besser erholt, als zunächst angenommen. Politische Verwerfungen sind im Großen und Ganzen unterblieben. Unterblieben ist vor allem die konsistente Suche nach einer wirklich neuen Weltordnung. Sie aber wäre notwendig, wenn sich die Ereignisse von New York nicht wiederholen sollen.

Seit dem Ende des Kalten Krieges haben es die führenden Nationen der Welt versäumt, eine neue Weltordnung zu bauen. Der Kapitalismus hatte über den Kommunismus gesiegt, der Westen konsumierte seine Friedensdividende und war?s zufrieden. Außen- und Sicherheitspolitiker in den Vereinigten Staaten und in Europa haben es seinerzeit und bis heute versäumt nach Konzepten gegen die neuen Bedrohungen nach dem Kalten Krieg zu suchen: regionale Krisen und Extremisten jeglicher Art. Spätestens die Ereignisse des 11. September sollten gezeigt haben, dass die westliche Welt sich diesen Luxus der Ignoranz nicht mehr länger leisten kann.

Nach der Globalisierung der Wirtschaft folgt nun die Globalisierung der Politik. Keine Regierung, ob in den Vereinigten Staaten oder Europa, kann es sich länger leisten, lokale Krisenherde oder militante Strömungen zu ignorieren - und lägen sie scheinbar so weit entfernt wie Afghanistan. Ein Blick auf die weltpolitische Landkarte ein Jahr nach den Anschlägen zeigt jedoch, dass keine der wichtigen Regierungen der Welt nennenswerte Lehren gezogen hat - allen voran nicht die amerikanische Administration. Nachdem es in den Monaten nach den Anschlägen gelang, eine Koalition gegen den Terror zu schmieden, ist von der Einigkeit der ersten Zeit wenig geblieben.

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